Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1936)
- Article
- Der Gezeichnete
- Date
- 1936-02-01
- Page
- 497 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Gezeichnete ging auf ihn zu und umarmte ihn mit jener übertriebenen Art, die Menschen zeigen, deren Gefühl fast nur aus dem Mitleid mit sich selbst kommt. Nun, sie war froh, daß er wieder da war; wenn es ihr auch zugleich sofort in den Sinn kam, was die andern in der Kehilla dazu sagen würden, nachdem sie so von ihnen bemitleidet worden war all die Zeit. Am selben Abend lief sie noch schnell zur Nachbarin Perle Schwarz, einer Witwe, die in der Nähe allein wohnte. So wußte am nächsten Morgen das ganze "Dorf, daß der Sender Frank heimgekehrt war, Sender, der Davongelaufene, der Pleitegänger. Denn auch dieser Name blieb von nun an zu all dem andern, von dem sie nichts vergessen hatten, an ihm haften. Sie fragten ihn aus, wo er gewesen sei. Aber er blieb verschwiegen und wies schließlich nur denen, von denen er gehofft hatte, Mittel zu erhalten zur Verwirklichung seines Planes einer Zeugfärberei, ein Schreiben des Färbers Walz, in dem stand: daß Sender Frank als Handwerkslehrling in seiner Blaufärberei und 'Zeugdruckerei so und so lange gestanden und sich während dieser Zeit durchgehends treu, fleißig und besonders anstellig und dergestalt verhalten habe, wie es einem ehrliebenden christlichen Handwerkslehrling gezieme und obliege; so daß er, der Meister, mit seiner Aufführung in den vom ehrsamen Handwerk aufgegebenen Verrichtungen wohl zufrieden sei und ihm das Zeugnis seines WohLverhaltens und seiner Fertigkeit nicht habe versagen können, wiewohl er nach der Innungs- und des ehrsamen Handwerks Vorschrift noch nicht ausgelernt habe, weil er zu früh habe unterbrechen müssen „ohne seinen Willen". Da lachten sie, weil sie ihn, den sie längst als einen Erwachsenen gekannt hatten, einen Lehrling genannt sahen; und waren mit bösen Worten über ihm, weil das vom „christlichen Geziemen" darin stand. Und es war fast selbstverständlich, daß sie ihm nicht so viel gaben, um auch nur das Geringste von dem zu beschaffen, was er nötig gehabt hätte, nur irgend eine Arbeit zu beginnen. Bald hatte es sich herumgesprochen, was er im Sinn gehabt hatte: der Sender, der mit dem Jahrhundert ging, und der zur Tauchocho die Berocho sagen mußte von den Verfluchungen, wollte auch noch eine größere geschäftliche Sache machen ohne Geld! Was war dem zu Kopf gestiegen; und welch eine Chuzpe war das! Alles belachte ihn, hinter seinem Rücken und manchmal offen, mit Worten und Mienen; keiner, der versucht hätte, ihn zu verstehen. Und jetzt, da man nicht mehr um ihn zu bangen, nicht das Schlimmste, gar seinen Tod, zu denken brauchte und da sie erkannten, daß das Mitleid, das sie der Schwester Rivke gezeigt hatten, verschwendet war, schlug alles ins Gegenteil um. Was hatte einer von ihnen davonzulaufen, seinen eigenen Weg zu gehen und die Kontrolle der Gemeinschaft zu meiden! Und so wenig Sender, wie wir gesehen haben, bisher geachtet gewesen war, so sehr übertrafen sie sich 497