Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1936)
- Article
- Urformen jüdischen Geistes. Der Akt der Heiligung
- Date
- 1936-02-01
- Page
- 481 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2895450-2895539-2895550-2905720--08565-2905763- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Urformen jüdischen Geistes. Der Akt der Heiligung daß er den Menschen in der Verehrung eines Unendlichen vergehen und in eben diesem Vergehen erhöht werden läßt. Wir wollen uns im Augenblick nicht in eine weitere Analyse dieses Aktes einlassen, sondern nur dieses aussprechen. Die Urakte, die den Menschen zum Menschen machen, machen die Völker zu Völkern. Jedes der großen weltgeschichtlichen Völker ist darum durch das Vorwiegen eines der menschlichen Urakte ausgezeichnet. In den primitiven, erdnahen und bodenverbundenen Völkern walten die beseelenden Akte vor: darum ihr Reichtum an Magie, an Mythos und Ritus. Die Griechen sind begabt mit einer ungeheuren Kraft, Erscheinung zu erfassen und in Erscheinung zu verwandeln, Phänomene zu durchformen und zum Sein vorzudringen. Darum sind sie die Pioniere des Abendlandes in allen Zweigen der Kunst, aber auch der Philosophie, der Wissenschaft und der Metaphysik als der Lehre vom Seienden als Seiendem. Im Römertum als weltgeschichtlicher Erscheinung wiegt die Werterfassung und Wertgebung vor und damit die Sphäre der Praxis, der Politik, des Imperiums, des Rechtes, während es im Künstlerischen von den Griechen abhängig bleibt. Von keinem der beiden Völker aber kann man sagen, daß es sich im Urakt der Heiligung gefunden habe, denn so wundervoll die Erscheinungen der griechischen Götter, so rein und schön die Gefühle sind, die sich in Weihinschriften ausdrücken, niemals hat sich innerhalb des Volksganzen selbst das Heilige als das Absolute gesetzt. Das aber ist das jüdische Schicksal, daß das jüdische Volk im Akte der Heiligung zu sich selbst kommt. Und zwar in einem Akte, der nicht aus Akten der Seins-, Sinn- und Wertgebung herauswächst, sondern als ein ungeteiltes Ganzes allen diesen Akten vorausliegt, als ein natürlich-geschichtliches Geschehen sich ereignet und in diesem Ereignen den Juden erst zum Juden macht. Hier werden alle Akte der Seins-, Sinn- und Wertgebung gleichsam von diesem Akte verschlungen. Darum gibt es für den Juden kein Verweilen im Vorletzten, weil er immer gleich zum Letzten vordringt. Deshalb hat er keine Kunst wie die Griechen, keine Metaphysik als Seinslehre, keine besondere Wertlehre ausgebildet, weil alles das im Akte der Heiligung zugleich mitgesetzt und zugleich überwunden ist. Das ist das Faktum, das von jeher das jüdische Schicksal, darum auch den jüdischen Geist und seine Phänomenologie bestimmt: der Jude lebt entweder im Akte der Heiligung oder im Nichts. Dazwischen gibt es nichts. Wollen wir also das Geschick dieses Geistes begreifen, so müssen wir versuchen, in das Spezifische des jüdischen Aktes der Heiligung einzudringen. 481