Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1936)
- Article
- Roman um den zweiten Jesaja [Rezension]
- Date
- 1936-01-01
- Page
- 464 (sequence 2)
- Language
- German
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- Isaiah 2× ep/1005097
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liehe Geschäft gefördert und auf eigene Rechnung am Juwelenhandel verdient. Sein politisches Ziel ist es, Cyrus zur Eroberung Babels anzutreiben. Im Lehrhaus des Ezechiel hat sich sein Trotz gegen den babylonischen Unterdrücker gestählt. Beim Sabbat-Gottesdienst bricht die gewaltige Rede „Tröstet, Tröstet mein Volk!" übermächtig aus ihm hervor. In der Darstellung dieses Vorgangs ist Meissinger — als Erzähler immer voll Niveau — fast ein Dichter. Weite Reisen führen Sira bis nach Indien und China; er lernt die Lehren des Zarathustra und des Buddha kennen, die Veden und den Götterglauben der Griechen, er erfährt die Weisheiten des Solon und des Pythagoras. Obwohl unmittelbare Einflüsse dieser Art keinen nachweisbaren Niederschlag in den Reden des zweiten Jesaja gefunden haben, ist diese Zusammenschau der semitischen und der arischen Welt Asiens überaus reizvoll: sie ergibt einen großzügigen Bildungsroman aus der Nachfolge eines Mereschkowski. Großartige Ausblicke eröffnet Siras Begegnung mit der Sittenreinheit der Perser, denen der Talmud eine besondere Achtung erweist; ebenso stark sind die Abschnitte, in denen dem Manne Sira die Religion der Griechen nahegebracht oder der Wandel einer Zeit in einem kleinen Zuge gespiegelt wird, wenn etwa Sira seinen und einer Griechin Sohn Jason (Josua) nach den Geschichten der Hebräer und der Griechen fragt und von dem Jüngling die Antwort erhält, Joseph erinnere ihn an Odysseus und Simson an Herakles. So greift Meissingers Phantasie mächtig aus, um aus dem anonymen Deutero-Jesaja einen Menschen aus Fleisch und Blut zu gestalten, aber auch zu erklären, wie eine Persönlichkeit vom Range dieses „Trost-Propheten" ihre Anonymität bewahren konnte. Eine „Reise gegen Gott" könnte Meissinger nach dem Titel eines deutschen Dramas die Fahrten seines „Abenteurer Gottes" in die östliche Welt nennen. Dem „widerspenstigen Zögling" werden durch fremde Weisheitslehrer die Ideen der Unsterblichkeit und der Weltewigkeit auf seinen Reisen offenbar. Er erfährt, daß Jahwe nicht allein der Gott Israels, sondern aller Völker sei. Nachdem Babylon vom Schauplatz der Weltgeschichte abgetreten ist, lernt Sira, daß Cyrus Judäa als Brücke nach Ägypten brauche und daß das jüdische Volk nicht dazu bestimmt sei, sich eigenstaatlicher Existenz zu erfreuen. Er erkennt aus dem Eroberungstrieb des alternden Cyrus, daß dieser nicht der Messias sei, als den er ihn verherrlicht hat. Da faßt er zu Eigenem zusammen, was er in den Zeiten bei den Völkern gelernt hat, und singt von Israels Gottesknechtschaft. Während seines jonischen Aufenthalts — wobei er unter Griechen stets der „Fremdling" bleibt — hat er sich in seiner Heimat totsagen lassen. Unerkannt von seinem Volke hat er den Feldzug des Cyrus gegen Babel mitgemacht. Schon sind seine Verse Volksgut geworden. Als Witwer läßt er sich mit seinem Sohne in Damaskus nieder, treibt ein Handwerk, nimmt nach dem Propheten den Namen Jesaja an und schreibt dessen Reden auf die gleiche Rolle, auf der er die seinen aufgezeichnet hat. Sein Sohn (Jesus ben Sira!) schenkt sie nach dem Tode des Vaters dem Lehrhaus zu Babylon . . . 464