Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1936)
- Article
- Presseschau: Untergang des 19. Jahrhunderts
- Date
- 1936-01-01
- Page
- 463 (sequence 2)
- Language
- German
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ganze); er fügt dem Jungnationalis- „Blutzugehörigkeit" zur französimus das Element des lateinischen sehen Nation; die „Dreyfusards" Rassenbevvußtseins ein. galten ihnen als „Entwurzelte". An- Barres neigte dem Antisemitismus dererseits aber wurden der elemenzu. Und es ist sehr wesentlich, daß tare Durchbruch des neuen Grundder Kampf für und wider Dreyfus gefühls und die philosophische den äußeren Anstoß für die geistige Wende (der Bruch mit dem Positi- Frontenbildung gab. Die Haltung in vismus) in der Philosophie Bergsons der Dreyfusfrage wurde für die — des jüdischen Denkers — gleichneuen Nationalisten ein Kriterium der zeitig offenbar. Roman um den zweiten Jesaja Die Bibelkritik löst von den Reden des Jesaja die Kapitel 40—55, bzw. 40—66 ab und nimmt für sie einen zweiten, für die letzten zum Teil noch einen dritten Verfasser an, den Deutero-Jesaja. Dieser zweite Jesaja lebte zwei Jahrhunderte später als der Prophet, zur Zeit des Sieges von Cyrus über Babylon und der Befreiung aus dem Exil. Dieser „große Unbekannte" hat die Phantasie K. A. Meissingers zu einem Roman „Der Abenteurer Gottes" (E. P. Tal & Co., Leipzig und Wien) angeregt, dessen Held eben dieser zweite Jesaja ist. Seltsam wie der Weg seines Helden ist der Weg Meissingers selbst von seinem „Friedrich List", den er als „tragischen Deutschen" und Schicksalsgenossen Hölderlins, Kleists und Nietzsches dargestellt hat, zu diesem „Sira", wie er den Deutero-Jesaja nennt. Ist in seinem List-Buch die Kunst der philosophischen Deutung stärker als die der biographischen Gestaltung, so ist es in dem Roman des zweiten Jesaja gerade umgekehrt: das Romanhafte ist bedeutender als die Gestaltdeutung. Ja, es unterläuft Meissinger sogar ein so wesentlicher Irrtum, daß sein Sirades Unterschieds zwischen dem Dualismus der iranischen Religion und dem jüdischen Monotheismus nicht gewahr wird. In seiner Lust am Fabulieren nimmt Meissinger für seinen Helden zwar Reisen und geistige Einflüsse an, die im Text keineswegs zwingend bezeugt sind; aber immer gilt von den erfundenen Geschehnissen ein „So könnte es gewesen sein!'" Das ist für einen historischen Roman sehr viel, besonders viel bei einem so schwer faßbaren Thema. Ob Meissinger Jude ist oder nicht, entzieht sich der Kenntnis des Referenten. Das bereits erwähnte Übersehen eines für Juden wesentlichen Unterschiedes der religiösen Auffassung sowie der Umstand, daß das jüdische Volk in Meissingers Zeitbild eine untergeordnete Rolle innehat, lassen das zweite als wahrscheinlich erscheinen. Ein jüdischer Autor hätte in einem Roman, der zur Zeit der babylonischen Gefangenschaft spielt, das jüdische Volk zum Chor gemacht, der dem Protagonisten Sira Widerspruchs- und erwartungsvoll gegenübergestanden hätte. Meissingers Sira hält sich vornehmlich in der außerjüdischen Welt auf. Meissinger führt seinen Helden als Kaufmann ein. Sira kehrt vom Tuchhandel zurück, hat das väter- 463