Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1936-01-01 · Heft 10 (Januar 1936) · p. 462

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 10 (Januar 1936)
Article
Presseschau: Untergang des 19. Jahrhunderts
Date
1936-01-01
Page
462 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2895450-2895539-2895549-2905631--08527-2905696
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Presseschau: Untergang des 19. Jahrhunderts Die Wendung gegen das vorige Jahrhundert, die für die gegenwärtige Geisteshaltung bezeichnend ist, hat nunmehr von katholischer Seite eine tiefgründige historisch-kritische Analyse erfahren. In einem Aufsatz „Die Fronde gegen das 19. Jahrhundert" („Hochland", 33. Jahrg., Nr. 3) widmet Peter Weingärtner der Entstehung der neuen antidemokratischen und antiliberalen Weltanschauung eine Untersuchung, die sich über das Niveau ähnlicher Analysen weit hinaushebt. Nach Weingärtners Auffassung fußte die liberale Haltung des vorigen Jahrhunderts auf dem Grundsatz der Eigenständigkeit und Eigenverantwortlichkeit des Einzelnen. Die Nationalitätenbewegung trat in den Bannkreis des Liberalismus; die Demokratie galt als Garant von Menschenrechten und Volkssouveränität. Diese wesenhafte Einheit von Nationalitätenprinzip, Liberalismus und Demokratie wurde aber durch einen Vorgang aufgelöst: durch die Trennung von Nationalismus und Demokratie und durch die fast gleichzeitige Entgegensetzung von Liberalismus und Nationalismus. Obzwar der Weg zur Nation dem IQ. Jahrhundert nur als ein Weg zur politischen Freiheit denkbar schien, stellte die individualistische Tendenz innerhalb des Liberalismus auf die Dauer die Geltung der Nation als oberster Norm in Frage. Durch den Ausbruch der Gefühls- und Instinktkräfte geriet die Gleichgewichtslage des Liberalismus in ständige Gefahr. Die rationalistische Klammer, die das liberale Weltbild zusammenhielt, wurde von innen her zersetzt. Am geistesgeschichtlichen Horizont trat an die Stelle des lange vorherrschenden Optimismus ein pessimistisches Grundgefühl, das sich immer stärker mit skeptischer Haltung verband. Dekadenz und Müdigkeit, anarchistischer Individualismus verbunden mit dem Gefühl der Hoffnungslosigkeit und Aussichtslosigkeit griffen um sich. Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde Frankreich der Schauplatz einer neuen irrationalen Bewegung, des sogenannten „integralen Nationalismus" (Kreis der „Action francaise"). Die beherrschenden Ideen für eine breite antiliberale Bewegung liegen in der Gedankenwelt von Georges Sorel, Vilfredo Pareto, Charles Maurras und Maurice Barres: der Grundgedanke einer strengen, ewigen Menschheitsordnung, die sich der liberalen „Schdnordnung" gegenüberstellt; der Vorrang der Gemeinschaftswerte vor dem Kult des schöpferischen und in seinen Gefühlsäußerungen und Verstandesbetätigungen völlig freien Individuums; die Wertschätzung des Mystischen und Irrationalen. Für Sorel und Maurras bildet das Dekadenzerkbnis den intensivsten Ausdruck der sie umgebenden Stimmung. Indem Maurras die Idee der „Ordnung" gegen das „Chaos" (Romantik) mobilisiert, wird der Klassizismus zum umfassenden Lebensideal, zur beherrschenden Grundlage des neuen Nationalismus. In einem Auf und Ab großer irrational-religiöser Bewegungen sieht Pareto sein historisches Grundgesetz vom Kreislauf der Eliten, d. h. der Führerschichten, verwirklicht. Barres schließlich entdeckt die „Gesamtheit" (das Volks- 462

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.