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Der Morgen · 1936-01-01 · Heft 10 (Januar 1936) · p. 427

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 10 (Januar 1936)
Article
Mikrokosmos der Weltgeschichte
Date
1936-01-01
Page
427 (sequence 3)
Language
German
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Mikrokosmos der Weltgeschichte führt zu werden, als gehöre sie dem Reste zu, der den Segen weiterträgt. Diese Minderheit ist häufig zum Wandern gezwungen; aber die Gestalt des Ahasver, das Wandernmüssen als Fluch und als Merkmal des Juden, ist kein Wunschbild unserer Gemeinschaft, sondern uns von der Umwelt aufgeprägt. Wer wandern muß, erfüllt den rätselhaften Segen, der auf dem Judentum liegt, und trägt in sich die Verheißung, seiner Gemeinschaft zum Segen zu werden. Wenn Menschen in diesen Tagen die Entscheidung treffen müssen, zu wandern, so sollten sie es aus diesem Geist heraus tun, daß sie vielleicht der Rest sind, der dazu berufen ist, die Geschichte des Judentums fortzuführen. Dann wird ihre Existenz, wo immer sie sie neu gründen, nicht unjüdisch sein können. Ob auf denen der Segen liegt, die rasten, oder auf denen, die wandern, wird erst die Geschichte entscheiden können, die fortzuführen unsere Aufgabe ist, wo immer uns auch zu leben aufgegeben sein wird. Es liegt keine Inkonsequenz darin, wenn eine Gemeinschaft, die ihr Minderheitsschicksal bejaht, bei praktisch akutem Anlaß sich dagegen wehrt, Minderheit zu sein, wie jetzt bei der allgemeinen Ablehnung der Legislative Council-Vorschläge in Palästina. Wenn wir eine Minderheit im üblichen Sinne wären, ließe sich sicherlich eine Konstruktion errechnen, die das jüdische Volk in Palästina als Minderheit schützt. Was aber jetzt in Palästina verlangt wird, ist, daß die Juden das Wesentliche ihrer Geschichte, nämlich die Möglichkeit der Wandlung, verlassen und in die Verewigung einer Momentsituation einwilligen sollen. Tatsächlich läßt sich deren westeuropäische Neuzeit in macht- und kulturpolitischer Hinsicht mit stagnierendem Orient weder gleichsetzen, noch mit nur zahlenmäßig bevölkerungspolitischen Grundsätzen unter den Hut gemeinsamer Selbstverwaltung bringen. Der Gedanke vom Rest, der übrig bleibt, würde hier eine Umkehrung erfahren in den Rest, mit dem begonnen werden soll. Am Beginn mögen wenige stehen, sie sind aber immer nur Vorhut, niemals Rest. Das gilt selbst für unsere paradoxe Geschichte. A. H. 427

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