Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1936)
- Article
- Mikrokosmos der Weltgeschichte
- Date
- 1936-01-01
- Page
- 426 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Mikrokosmos der Weltgeschichte Das Geheimnis unserer jüdischen Existenz lebt in der Tatsache, daß wir dem prüfenden Auge, das Jahrtausende rückschauend überblickt, als ein Mikrokosmos der Menschheitsgeschichte erscheinen müssen, nicht weil uns die Epochen mit den Völkern der Welt zusammenbrachten, so daß wir ihre Geschichte miterlebten und meist überlebten, sondern weil sich innerhalb unserer Gemeinschaft wie in einem Mikrokosmos die Kräfte abzeichnen, die Geschichte formen. So geht durch unsere Geschichte immer wieder die große Fragestellung: Macht oder Geist, Mehrheit oder Minderheit- Wir hatten zu allen Weltepochen die Wahl, mit der Mehrheit, d. h. mit der Macht zu gehen. Unsere Entscheidung (fiel für die politische Ohnmacht um der Erhaltung des Geistes, des Judentums willen. Mit dieser geschichtlichen Feststellung — Geist und Minderheit — ist zugleich die Forderung für unsere Gegenwart und für unsere Zukunft gegeben. Wir sind keine politische Machtgruppe, wir haben nie danach gestrebt und wollen es auch nicht sein. Der Geist, für den wir uns entschieden haben, ist kein abstrakter, isolierender Intellektualismus, sondern er muß eine Aufgeschlossenheit in sich tragen, die zugleich ausstrahlt und empfängt, schenkt und nimmt, was ihm artgemäß ist: also jede geistige Erscheinung, die im Menschen das Ebenbild Gottes und im Ebenbild Gottes den Maßstab aller Dinge sieht. Von unserem jüdischen Standpunkt aus werten wir die Geschichtsepochen der Menschheit nach dem Grade der Würde, die sie dem Menschen zuerkannt haben; diese Würde läßt uns im Mitmenschen den Bruder sehen. Wenn unsere Geschichte sich für die Minderheit entschieden hat, so ist das kein Zahlenausdruck, sondern ein geschichtliches Gesetz, das gleichzeitig die Vorstellung der Auslese in sich trägt: es bleibt immer ein Rest, der als Träger des Judentums durch die Geschichte geht und die geschichtliche Zukunft sichert. Hinter diesen Erscheinungen steht kein aristokratischer Wille, denn jeder kann als Träger dieses Restes für die Erhaltung der Gemeinschaft auserwählt werden, und was Erwählung, was Rest ist, erkennt nicht der Mitlebende, sondern nur der Rückschauende. Aber jede Generation muß so leben, als sei sie erwählt, aus Ägypten herausge- 426