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Der Morgen · 1935-12-01 · Heft 9 (Dezember 1935) · p. 422

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 9 (Dezember 1935)
Article
Schire Erez Israel [Rezension]
Date
1935-12-01
Page
422 (sequence 2)
Language
German
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Archaistik der Kirchentonarten, den entfesselten Rhythmus tinbewußter orientalischer Einschläge in die Weichheit, die harmonische Tonalität, die klassisch-romantische Leittontechnik, die gemächliche Rhythmik des Abendlandes um, ohne dabei Fälschungen zu beabsichtigen. Sie stecken nur viel zu sehr in den musikalischen Anschauungen Westeuropas mit seiner Harmonik und Gefühlsbetontheit, so daß eine gewisse Angst besteht, durch wirklich originale Aufzeichnungen musikalischen Anstoß zu erregen. Dazu kommt, daß sich vieles gar nicht mit unsern Noten aufzeichnen läßt, weil es unserem Tonsystem nicht entspricht. Diese ewig wechselnden Rhythmen, diese Tonschwebungen zwischen den Halbtönen, diese glissandi, Schluchzer, „Unreinheiten", dem absoluten Gehör des darauf irrtümlich so eingebildeten Musikers ein Gräuel, dem Kenner ein Genuß, sind nicht zu notieren; sie fängt nur die Schallplatte ein. Von da wäre auszugehen. Man lasse alle Lieder, deren man habhaft werden kann, jiddische und hebräische, auf Schallplatten singen, — aufzunehmen von einwandfreien Musikern, die gleichzeitig gute Hebraisten und gute Historiker sein müssen. Man lege ein Archiv an (die Vorarbeiten dazu werden wohl schon in Palästina geleistet; die Universität Jerusalem, die sich bisher wenig um Musik kümmert, sollte dieser ihr Interesse endlich auch zuwenden), man sammle das Material, so wie es Idelsohn, etwas unkritisch, begonnen hat. Dann wird man einen Überblick haben über das, was an Weisen, Tänzen, Liedern und volksliedhaftem Gute da ist, dann kann vielleicht (seien wir vorsichtig!) ein authentisches Buch herausgegeben werden. Denn das ist der letzte Fehler aller dieser Sammlungen: ihr Mangel an Kritik, ihr Mangel an Mut. Nicht jede Melodie, die zu hebräischen Worten gesungen wird, hat etwas mit jüdischem Geist zu tun, nicht jedes deutsche oder slawische oder romanische Volkslied wird national-jüdisches Gut, nicht jeder mittelalterliche Gassenhauer synagogale Musik, wenn sein Text jiddisch oder hebräisch ist. Aber dazu gehört Mut, dazu muß man sich frei machen von Parteizugehörigkeiten, von „Gefühlen", mit denen so gerne und so viel in der jüdischen Musik gearbeitet wird, von frommen Wünschen, mehr zu sehen, zu hören und zu finden, als wirklich da ist. (Es ist genug da.) Ich will hier nur e i n Beispiel geben. In beiden Liederbüchern, bei Jospe wie bei Schönberg, steht das in einer Zeitungsbesprechung „herrlich" genannte lehawah. Was dieser Armeemarsch, bei Schönberg noch dazu mit schrecklichen Melodieimitationen versehen, in einem jüdischen Liederbuch zu suchen hat, ist nicht ersichtlich. Wie ganz anders mag im Original z. B. Bik'ah a'mukah klingen (S. 144); hier ist sicherlich die Tonalität gmoll einer früher transponiert phrygischen (einer der Kirchentonarten) aufgezwungen, hier ist der wechselnde Rhythmus in Viervierteltakt und Dreivierteltakt gepreßt. Wie verschieden die Auffassungen der notierenden Herausgeber sind, zeige wieder ein Beispiel. L'chu w'niwne zeichnet Jospe (S. 112) als „jemenitische Weise" auf mit zum Teil anderen Noten und Notenwerten 422

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