Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1935-12-01 · Heft 9 (Dezember 1935) · p. 419

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 9 (Dezember 1935)
Article
Neue jüdische Lyrik [Rezension]
Date
1935-12-01
Page
419 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895539-2895548-2905543--08466-2905607
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

dann: „In der Heimat, Herz der Heimat, schlägst du noch?" Gegenüber solchen ausgereiften Meistern der Sprache wie Werfel und Strauss ist alles andere, was an neuer jüdischer Lyrik zur Zeit vorliegt, ein Anfang. Ein Anfang, den man ermuntern soll, ohne daß man sich der Pflicht zur Mahnung entziehen dürfte. Die „Worteam Wege" des Bundes deutsch-jüdischer Jugend haben wohl ihre Bedeutung zu allererst für die Menschen des Bundes selbst und entziehen sich daher der Beurteilung von außen. Else Bergmanns „Farbige Klänge" sind Landschaftsimpressionen, an denen die Weite über das ganze alte Europa hin erfreut und denen man wegen der unprätentiösen Konzentration, die in ihnen liegt, manches da und dort verspürbare Nachlassen in der Reinheit des dichterischen Ausdrucks verzeiht. Anders steht es bei Fritz Rosenthals (Ben Chorin) „Mal derSendung" und dem „Dreiklang" von Hilde Marx. Den jungen Ben Chorin kennen und schätzen wir als eine starke Begabung, die manches verspricht und einiges davon schon ankündigt. Auch kann ich nicht finden, was andere Kritiker gefunden haben, daß die Übernahme Rilkescher Versformen als solche abgelehnt werden müßte, wenn nur das Wollen, das dem Ganzen zugrundeliegt, nicht überspannt wäre, anstatt ruhig zu warten, bis seine Zeit sich erfüllt hat. Man nehme nur das programmatische „Lied", das am Anfang der Sammlung steht. Wer möchte von sich sagen, daß er „als Richter sein Volk mit Gott versöhnen" wolle? Ben Chorin überschätzt die Kraft, die im Pathos des Wortes liegt. Und den Vers, „ehe ich Schönes rede, mache Gott mich stumm" empfinde ich als eine ungeheure Versuchung des Geschicks, die gar nicht ernst gemeint sein darf! Denn ich wünsche von Herzen, daß dem Schreiber dieses Verses noch viel Schönes gelingt und daß die Wirklichkeit des jüdischen Landes, in die er in diesem Jahr eingetreten ist, ihn mit der Freude und dem Schmerz des echten Erlebnisses beschenkt, für das er gewiß offen und bereit ist. Bei aller Verschiedenheit der Charaktere wären an Hilde Marx beinahe ähnliche Worte zu richten. Ihre Verskunst ist harmonisch gefügt, aber sie greift nach dem Höchsten mit den Worten, die leblos ins Leere zurücksinken, wo sie so kräftig wie es nur irgend geht sein sollten in ihrem kühnen Aufschwung. Auch sie muß den Vortrupp ihrer Gedanken, der sich zu weit vorgewagt hat, zurückrufen zu der Einfachheit des Erlebens, wie es in dem „Brief an eine kleine Stadt" leise Klang und Farbe gewinnt. Aber wir wollen nicht ungerecht sein. Werfel und Strauss gehören trotz allem, was auch ihnen geschehen sein mag, einer glücklicheren Generation an als die Jungen. Sie haben den Glanz des alten Europa, wenigstens in Resten, in den Jahren vor dem großen Krieg noch gesehen und eine lebhafte Anschauung von ihm für sich gerettet. Die Spätergekommenen dagegen sind hineingestellt in diese zuckende Zeit, die weder Ehrfurcht noch Stille kennt und in welcher der sicherste Besitz fragwürdig wird und zerbricht. Einmal aber wird auch dies besungen werden. Werner Cahnmann 419

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.