Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1935)
- Article
- Neue jüdische Lyrik [Rezension]
- Date
- 1935-12-01
- Page
- 418 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2895450-2895539-2895548-2905543--08465-2905606- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Neue jüdische Lyrik Franz Werfet, Schlaf und Erwachen, Paul Zsolnay-Verla%, Wien, 1935. — Ludwig Stra uß, Land Israel, Schocken- Verlag, Berlin, 1935. — Fritz Rosenthal (Ben Chorin), Das Mal der Sendung, B. Heller, München, 1935. — Hilde Marx, Dreiklang, Philo-Verlag, Berlin, 1935. — Else Bergmann, Farbige Klänge, Orell-Füssli-Verlag, Zürich- Leipzig, 1935. — Worte am Wege, herausg. für den Bund deutsch - jüdischer Jugend, Philo-Verlag, Berlin, 1935. Wie die reiche Ernte eines in „Schlaf und Erwachen" von Traumgesichten erfüllten Lebens ist Franz Werfeis neuester Gedichtband. Von schweren, dunklen Farben des Wissens ist die Palette des Dichters angefüllt, nur hin und wieder wie von grellen Blitzen aufleuchtender Erkenntnis durchzogen, das Ganze aber in ein Hymnarium der Gottesliebe verklingend. Buber hat einmal gesagt — in der Vorrede zu den Geschichten des Rabbi Nachman —, die Gefahr des Juden sei das Wort. Seinem Pathos, das, losgelöst vom umgrenzten Sein, den Menschen, der sich ihm hingibt, hinausführt auf das wogende Meer der Unendlichkeit, ist der Lyriker Werfel in früheren Jahren oft genug erlegen. Wenn wir seinen neuesten Band in Händen halten, wissen wir: er hat überwunden und zugleich zu tieferen Wurzeln des eigenen Seins hingefunden. Er lebt mit den Alten und den Toten wie einer, der die Süße und die Bitternis des Lebens tief geschmeckt hat. Landschaftsgedichte sind ihm gelungen von so reiner Stärke der Anschau- 418 ung — zum Beispiel die bildergesättigte Beschreibung des Neusiedlersees —, daß sie in deutscher Sprache ihresgleichen suchen. Und wie könnte es sein, daß t ein Europäer von so gegründetem Wissen um das Gewesene wie Werfel, dazu aber ein Mensch jüdischer Herkunft, nicht auch zugleich in den geheimen Kammern jüdischen Wesens tief Bescheid wüßte! Seine Prophetenvisionen sind kongeniale Gesichte von „einem, den nichts mehr bestürzte", und sein inniges Frommsein, das im Erinnerungsbild der zertretenen Blindschleiche das göttliche Erbarmen begreift, ist von einer geschwisterlichen Art mit den Sinnen unserer Weisen durch die Jahrtausende. Ludwig Strauss' schmales lyrisches Bändchen „Land Israel" behauptet sich neben Werfel wie ein zartes Aquarell neben einem schweren Ölbild. Eine fast scheue Liebe zu dem alt und neu heiligen Land durchzieht seine Verse. Diese Liebe wagt es nicht, an das gesehene Bild des Geliebten zu glauben, sie ist voll zitternder Freude, weil sie hinter der Anmut der blühenden Frühlingshalden und hinter der Fruchtbarkeit der Orangenhaine die Kahlheit der sommerlich ausgebrannten Berge und die salzige Bitternis im Schlund des Toten Meeres allzu deutlich spürt. Für den deutschen Juden ist es tröstlich, zu sehen, daß man das jüdische Land auch in deutschen Versen, mit Hölderlinschen Hymnen, besingen kann. Und mehr als eine Problematik unserer Existenz hier und dort, Not und Hoffnung, wird uns deutlich, wenn wir diese Hymnen aufmerksam lesen. Auch wir fragen uns