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Der Morgen · 1935-12-01 · Heft 9 (Dezember 1935) · p. 415

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 9 (Dezember 1935)
Article
Mit Thomas Mann über den Ozean [Rezension]
Date
1935-12-01
Page
415 (sequence 3)
Language
German
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Wirklichkeit eingehen, die dem Einzelnen oft näher und immer zugänglicher ist. Deshalb auch die tiefe Vertrautheit von jedermann mit diesem ritterlichen Weltmenschen, dessen Erniedrigung und gleichzeitige Erhöhung der Dichter Cervantes auf so humane Weise vollbrachte. In diesen allzu europäischen Gedankenrichtungen nähern wir uns der Ankunft, und schon winkt der Kranz der Freiheitsstatue, diese klassische Erinnerung, „ein naives Symbol, recht fremd geworden in unserer Gegenwart . . Ehe Sie nun aber aussteigen, meine Herrschaften, mögen Sie noch erfahren, daß es keine gewöhnliche Reklame war, die Sie zu der kleinen Probefahrt einlud, sondern daß das Schiff mit dem schönen Tiefgang und dem eleganten Stil seiner Linien mit den zwei braunen Segeln, auf denen mit goldenen Buchstaben Don Quichote zu lesen ist, daß dies Schiff den lenkenden Urheber Thomas Mann trägt, der mit hohen Augenbrauen den Kompaß Phantasie fest in Händen hält, was ihn zwar — nach eigenem Ausspruch — verhindert, ein Weltmann zu werden, ihn aber dafür vor Überlegenheit bewahrt. Dies Schiff aber ist nur der letzte, persönlichste Teil einer reichbeladenen, von Wissen und Erleben prall gefüllten Wort- und Gedankenflotte, die auf der Werft S. Fischer klar gemacht, unter dem Titel „Leiden und Größe der Meister" zur großen Freude aller, die sie sichten, in die Welt und in die Weite segelt und, zwischen dem Horizont des Herzens und dem der Augen kreuzend, all die Möglichkeiten erfüllt, die ihrem großen Vermittlerdasein ruhmvoll gebühren. Hilde Cohn Zter eä Ein Mann im Osten besaß einen Ring, der die Kraft hatte, seinen Besitzer vor Gott und den Menscher» angenehm zu machen. Er hatte drei Söhne, die er gleichmäßig liebte, und er konnte sich nicht entschließen, den Ring einem von ihnen zu vererben. Er ließ deshalb einen Künstler zu sich kommen, gab ihm den Ring — einen goldenen Reif mit einem großen Opal — und beauftragte den Künstler, noch zwei gleiche Ringe zu fertigen. Vor seinem Tod gab der Mann den drei Brüdern die drei Ringe. Viele Jahre später, als der Künstler seine letzte Stunde herannahen fühlte, peinigte ihn sein Gewissen, daß er einen furchtbaren Betrug begangen hatte. Als er näme Ring lieh damals daran ging, den ihm anvertrauten Ring nachzuarbeiten, erkannte er, er würde nicht imstande sein, ein ähnliches Kunstwerk herzustellen. In seiner Erregung hatte er sogar den Stein aus dem Reif herausgebrochen, um die feinen Ornamente durch Wachsabdruck festhalten zu können. Nun hatte er den glühend schönen Stein und den Reif in der Hand, und doch mißlang jeder Versuch seiner kunstgeübten Hand, das kleine große Kunstwerk nachzubilden. Zornig über seine künstlerische Unzulänglichkeit, brachte er den goldenen Reif auf seiner kleinen Lötlampe zum Schmelzen, bis die herrliche Arbeit nur noch ein Klümpchen Gold war, und warf es gegen den Himmel, wo es als 415

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