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Der Morgen · 1935-12-01 · Heft 9 (Dezember 1935) · p. 414

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 9 (Dezember 1935)
Article
Mit Thomas Mann über den Ozean [Rezension]
Date
1935-12-01
Page
414 (sequence 2)
Language
German
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scheste Tempo sei — wobei unser Kapitän meint, solche Urteile sollten das Nationelle lieber beiseite lassen — nein, weil „der Raum seine Zeit will". Auch wollen wir die Bekanntschaft mit dem Atlantik machen, so gut das bei so viel Zivilisation und Geborgenheitsversicherungen noch möglich ist: immerhin, den Nebel gilt es zu bestehen, und der ordentlichen Natur unseres Kapitäns entsprechend hören wir die Instruktionen auf alle Fälle an, prüfen das Rettungsboot mit den Augen und schauen gläubig tapfer den Bootsmann an, der uns im schlimmen Falle nach Hause bringen will. Dies Stichwort macht uns ein wenig stutzig, mitten auf hoher See wirft es gewissermaßen Anker in unserem Gemüt . . . Wo ist das Zuhause? Und der Dichterkapitän denkt an die Heimatstationen. Auch solch ein Schiffstag bringt Abwechslung und Zerstreuung in die Zeit. Ja, die Zeit, dies Phänomen, dessen Geheimnissen wir so gern nachspüren! Es gibt auch jetzt Gelegenheit, einige seiltänzerische Gedanken zwischen realer und irrealer Wirklichkeit anzubahnen. Das Verstellen der Uhr gibt den Anstoß und „nicht ohne Nachdenklichkeit lassen wir die Zeiger ein. Stück Zeitweges wieder antreten" und spielen mit der Möglichkeit, immer weiter westlich reisend bis übers östliche nach Hause kommend einen Kalendertag Zeit zu gewinnen. „Aber Zeitgewinn ist nicht Lebensgewinn, und wenn wir versuchten, dem Kosmos ein Schnippchen zu schlagen und, drüben angelangt, weder vorwärts noch rückwärts gingen, sondern mit unsern sechs Stunden sitzen blieben und sie hüteten wie Fafner den Hort, so würde damit der uns organisch beschieden en Lebensfrist nicht eine Sekunde hinzugefügt sein." Wir spielen shuffle-board und Deckgolf, beobachten die leider nicht zahlreichen Gäste, unter denen der fischmäulige Yankee ein verdächtiges Subjekt ist, der mit den jüdischen Auswanderern in der Touristenklasse redet und trotz des tadellosen Smokingbenehmens sichiden geistigen Genüssen der obersten Klasse entzieht, was von wenig Solidarität zeugt, — die gerade angesichts solcher Beispiele einer kritisch-krachenden Weltordnung, wie es ein schlecht besuchter Dampfer ist, notwendig wäre. Was kümmerts uns aber, wir haben bessere, noblere Gesellschaft, den Ritter Don Quichote nämlich, der uns anregt und beschäftigt. Welche Themen tauchen da aus der Tiefe auf, wie der weiße Schaum, der mit den Wellen kommt und zergeht, welche Welten werden mit dem leichten Schritt des Reisegedankens schnell (nie flüchtig) berührt, so wie es die Möwengefieder „vorübergehend" mit der feuchten Fläche unseres Weges tun! Eins dieser zur Sprache kommenden Dinge ist der Unterschied zwischen dem, was man großmächtig Geschichte nennt, und dem Seelisch- Menschlichen, das sie ausstrahlt und wofür das Gewissen der Menschheit — und sei es auch nur ein ästhetisches, ein Geschmackgewissen — empfänglich ist. Geschichte ist die gemeine Wirklichkeit, für die man tüchtig sein muß und an der Don Quichote scheitert, aber gerade dies Scheitern läßt ihn in jene andere 414

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