Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1935)
- Article
- Fabeln
- Date
- 1935-12-01
- Page
- 406 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Leo Hirsch: Fabeln Da mit Gewalt nichts auszurichten war, versuchte der Gärtner es mit List Vor den kleinen Gartentümpel, woraus der Igel allabendlich zu trinken pflegte, wurde ein kleiner Kübel mit Schnaps gestellt, weil man annahm, der Igel würde im Rausch den Gebrauch der Stacheln vergessen und sich endlich leicht fangen lassen. Aber der Igel erwies sich als unberauschbar, er soff aus dem Kübel und war wie zuvor. i Schließlich wandte sich der Gärtner an einen berufsmäßigen Jäger und Fallensteller, der nun den Hund zur einzigen Jagdweise auf Igel abrichtete, und als der Hund wieder in den Garten kam, war das Schicksal des Igels entschieden. Denn der Hund stellte den Igel, hob sein Hinterbein und betröpfelte das Stacheltier. Die Wirkung war grausig. Der tapfere, von keiner Menschenhand beirrbare und gegen jedes Tiergebiß wehrhafte Igel zog, von dem Gestank betäubt und wehrlos gemacht, die Stacheln ein, und der Gärtner konnte nun mit ihm tun, was er wollte. Spatzen Der Specht klopfte auf den Busch, und aus dem Busch flog ein Schwärm von Spatzen auf, die allerlei Fremdes genascht hatten. Potztausend, rief der Specht, wie laut ihr doch seid, wie wichtig ihr euer Naschen nehmt! Willst du uns noch lächerlich machen, nachdem du uns aufgescheucht?, protestierte ein Spatz. Wir naschen nicht für schnöden Lohn, sondern aus Berufung, wir dienen Gott damit auf unsere Weise, und wenn du uns höhnst, höhnst du Gott! Du hättest uns lieber väterlich ermahnen und raten sollen, statt die Schärfe deines Schnabels zu mißbrauchen!, klagte eine Spätzin. Denn wenn ich auch nur eine kleine Sperlingin bin, so kann ich doch noch eine Nachtigall werden! Angst Plötzlich wachte der Löwe auf, er hatte ein leises Geräusch vernommen. Er sah sich zornig um und entdeckte eine Maus. Da überkam ihn, der sonst nichts fürchtete, ein schreckliches Zittern. Ja, es schauderte ihn vor der Maus. Als die Maus sah, wie es den Löwen grauste, da dachte sie: Es muß etwas unsagbar Unheimliches sein, wovor der König der Tiere sich so fürchtet, und wenn er sich schon davor dermaßen ängsten muß, was wird dann erst mir kleiner Maus bevorstehen? Und aus Angst vor einem unausdenkbaren Tode nahm sie sich das Leben. 406