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Der Morgen · 1935-12-01 · Heft 9 (Dezember 1935) · p. 405

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 9 (Dezember 1935)
Article
Fabeln
Date
1935-12-01
Page
405 (sequence 1)
Language
German
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Leo Hirsch / Fübeltl Unendlichkeit Wohin des Wegs?, fragte die Ratte, als sie die Feldmaus zwischen den Schienen des Bahndammes traf. Es ist Herbst geworden, klagte die Maus, auf dem Felde gibts kein Korn mehr, so will ich den Schienen nachgehen, um vielleicht auf dem Rangierbahnhof einige Abfälle zu ergattern. Und wohin gehst du? Ich, sagte die Ratte, habe keine materiellen Interessen mehr. Ich habe die Erkenntnis errungen, daß die Schienen einander parallel laufen. So will ich ihnen nachgehen bis in die Unendlichkeit, in der alle Parallelen sich schneiden. Dann haben wir den gleichen Weg, sagte die Maus: Auf dem Rangierbahnhof schneiden sich alle Schienen. Unbarmherzigkeit Der Hahn ging übers Eis, um Nahrung für Weib und Kind zu suchen. Die Henne stand am Ufer. Der Fluß war nur am Rande gefroren, und der Hahn fiel ins Wasser. Die Henne stand am Ufer. Hilfe, Hilfe!, schrie der Hahn. Hilfe! Ich ertrinke! Die Henne blieb am Ufer stehen und, anstatt ihm Hilfe zu bringen, jammerte sie: Du brichst mir das Herz! Du ersäufst und lässest mich hilflos am Ufer zurück! Wie konntest Du nur aufs Eis gehen! Du Unbarmherziger, du brichst mir das Herz! Der hürnene Igel Unweit eines Gartens lebte ein Igel. Er vertilgte Mäuse, Gewürm und Ungeziefer und, wie zum Lohne, auch oft die jüngsten Salatblätter. Dieser Preis war dem Gärtner zu hoch. Er erwischte den Igel eines Tages im Salat und griff ihn. Aber der Igel hatte seine Stacheln aufgesträubt, und mit einem Schmerzenslaut zog der Gärtner die blutende Hand zurück. Der Gärtner kaufte einen Hund und hetzte ihn auf den Igel. Aber der Hund war jung, der Igel sträubte seine Stacheln auf, und der täppische Köter zog heulend die blutende Schnauze zurück. Der Igel schien unangreifbar wie eine wohlummauerte Festung. 405

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