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Der Morgen · 1935-11-01 · Heft 8 (November 1935) · p. 375

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 8 (November 1935)
Article
Bild eines Philosophen [Rezension]
Date
1935-11-01
Page
375 (sequence 1)
Language
German
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Bild eines Philosophen Salomon Maimon steht Anfang der Dreißiger, als er 1786, im Todesjahr Mendelssohns und. Friedrichs des Großen, zum vierten Male nach Berlin kommt, wo es ihm nun endlich gelingt, festen Boden unter den Füßen zu fassen. Sein Leben ist bis zu diesem Zeitpunkt eine einzige Wanderschaft gewesen: aus dem kleinen litauischen Ghettostädtchen zieht es den klugen lernbegierigen Jungen mit leidenschaftlicher Macht nach Deutschland, wo er Aufklärung, Freiheit und Erkenntnis zu finden hofft, löjährig steht er zum ersten Male vor Berlin am Rosenthaler Tor und bittet um Einlaß. Doch den jüdischen Ältesten, die in dieser letzten Periode der jüdischen Selbstverwaltung in Preußen über ein solches Gesuch zu entscheiden haben, ist ein junger Mann, der studieren will und schon den Maimonides kommentiert hat, als Ketzer verdächtig. Sie geben ihm Wegzehrung und schicken ihn weiter. Im folgenden Jahrzehnt lebt er in Posen als Erzieher, in Berlin als Apothekerlehrling, in Hamburg als Schüler, in Amsterdam, in Breslau. Er sucht Wissen, Klarheit und Wahrheit. Er studiert, was ihm zugänglich wird. Leben kann er davon nicht. So lebt er meist von Unterstützungen. Sein eigentliches Problem ist aber damit noch nicht getroffen, denn die Brotsorgen teilt er schließlich mit jedem geistig schaffenden Menschen der Epoche. Vielmehr liegt sein Problem darin, daß er — in einer Zeit der Hochflut von Vereinigungen und Kreisen! — keine Menschen finden kann, die ihn verstehen. Im Mendelssohnschen Kreise kann er nicht warm werden. Wohl verehrt er Mendelssohn persönlich sehr, aber er selbst gehört zur jungen Generation, deren Problemstellung nicht mehr die der alten ist. Es geht nicht mehr um ein Aussöhnen von Judentum und Zeitgeist, sondern es geht um die Autonomie des Verstandes, die die Aufklärung fordert. Und während die Männer um Mendelssohn sich um eine evolutionäre Besserung der jüdischen Lebens- und Denkverhältnisse bemühen, taucht hinter ihnen aus dem Dunkel des Ghettos Maimon auf, der alle Fäden seiner alten Lebensbeziehungen durchschneidet, Frau und Kind im Stich läßt und an ihnen vorbei einer, wie er glaubt, lichteren Zukunft entgegeneilt. Erst 1786 trifft Maimon auf kongeniale Menschen und Ideen. Kant, an dessen kritischer Philosophie auch Maimons philosophische Lebensarbeit erwachsen wird, hat zwei Jahre vorher die Frage „Was ist Aufklärung?" dahin beantwortet, daß sie der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit sei. Unmündigkeit sei das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Den Bruch mit allem Traditionalismus, der aus diesen Gedanken zwangsläufig hervorgeht, vollzieht Maimon ebenso wie seine deutschen Freunde. Es ist die Zeit des „Sturm und Drang". Einer der Wortführer, Karl Philipp Moritz, wird Maimons Freund. Im Stile des Moritzschen Bekenntnisromans „Anton Reiser" schreibt Maimon seine „Geschichte des eigenen Lebens", der Moritz eine Einleitung voranstellt. Dieses Buch, das jetzt in der 375

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