Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 8 (November 1935)
- Article
- Elbogens Geschichte der Juden in Deutschland [Rezension]
- Date
- 1935-11-01
- Page
- 371 (sequence 3)
- Language
- German
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Was seine Gesamtauffassung angeht, so hat er das Minderheiten-Schicksal einer jüdischen Volksgruppe dargestellt, die von dem übergeordneten deutschen Umwelt - Geschehen in jeder Hinsicht abhängig ist. Elbogen hat den Stoff in drei Teile zerlegt. Die ersten Spuren der Juden in Deutschland werden in einem kurzen einleitenden Abschnitt mit kritischer Vorsicht und Behutsamkeit geprüft. Der zweite und eigentliche Hauptteil hat die Geschichte der Juden im alten Deutschen Reich bis zur Aufklärung zum Gegenstande. Der dritte abschließende Teil enthält die Kämpfe um die Emanzipation bis zu ihrer Außerkraftsetzung in unseren Tagen. Durchweg ist die Darstellung, um mit Schopenhauer zu sprechen, in einer „glänzenden Trockenheit" gehalten. Dies bestimmt die Stellung des Werkes innerhalb der geschichtswissenschaftlichen Literatur unserer Zeit. Es ist ein konservatives, ein „altmodisches" Buch, denn es begnügt sich damit, die Ereignisse in schlichter geschichtlicher Erzählung darzubieten, anstatt an ihnen psychologisierend zu deuteln. Gewiß bedeutet die Fernhaltung der „Ideengeschichte" und „Problemgeschichte" eine Begrenzung; und wir möchten annehmen, daß ebenso wie auf dem Gebiet der jüdischen Kunstgeschichte den feststellenden Büchern von Karl Schwarz und Ernst Cohn-Wiener die deutenden Bücher Franz Landsbergers und Rahel Wischnitzer-Bernsteins nachfolgten, auch dem feststellenden Buch Elbogens deutende Darstellungen nachfolgen werden, die den symbolischen Formausdruck der Geschichte der Juden in Deutschland enträtseln. Das aber ist Zukunftsmusik. Zunächst ist einmal durch Elbogens außerordentliche Bemühung ein Weg des geschichtlichen Verständnisses gebahnt. Mit einer eigentümlich stoischen Härte und Selbstbeherrschung hat er uns jüdischen Menschen von heute die tragische Labilität aller Lebensverhältnisse, das Gespenst der grauen Sorge, die stete Fragwürdigkeit und Fährnis, die in der Geschichte der Juden in Deutschland obwaltete, zum Bewußtsein gebracht. Er hat die Einheit der geschichtlichen Lebenslinie, den roten, oft blutigroten Faden unseres Schicksals, den Dämon der jüdischen Existenz auf deutschem Boden sichtbar gemacht. Insofern ist sein Buch unbewußt und ungewollt zum Dokument der jüdischen Gegenwart und zum Instrument unserer Empfindung geworden. Fritz Friedlaender Form und Preis In der Besprechung der „Jüdischen Lesehefte" (Nr. 6/7) war die Meinung ausgesprochen worden, sie seien sehr schön, aber für Volksschulkinder zu teuer. Der Verlag stimmt in einer Zuschrift bei. Aber: die schöne Ausstattung sei das Ergebnis seiner Arbeit und ohne Einfluß auf den Preis; dafür seien nur der (an sich geringe) Verdienst der Buchhändler und, solange nicht viele jüdische Schulen die Hefte verwenden, die geringe Auflage maßgebend. Es ist tröstlich, daß hier einmal das Schöne nicht auch das Teuere sein muß, und da auch die jüdischen Buchhändler nicht ausgeschaltet werden dürfen, zeigt sich an einem so entfernten Punkt, wie sorgfältig und einheitlich das jüdische Schulsystem zu planen ist 371