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Der Morgen · 1935-11-01 · Heft 8 (November 1935) · p. 370

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 8 (November 1935)
Article
Elbogens Geschichte der Juden in Deutschland [Rezension]
Date
1935-11-01
Page
370 (sequence 2)
Language
German
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ihm vorbehalten blieb. Es ist ein langer Weg wissenschaftlicher Arbeit und wechselnder Problemstellung, den der soeben Sechzigjährige seit seinen „Religionsanschauungen der Pharisäer" bis zu dem vorliegenden Werk zurückgelegt hat. Der Niederbruch des Kaiserreichs, der Weimarer Republik und der — Judenemanzipation in Deutschland liegt dazwischen. Wie hat nun Elbogen seine Aufgabe gesehen und danach die Anlage seines Werkes bestimmt? Eine Geschichte der Juden in Deutschland ist zunächst in einem nicht nur äußerlichen Sinne ein Quantitätsproblem, eine Frage der Begrenzung des Umfangs. Weitschichtige Konzeptionen von historischen Darstellungen, wie sie dem 19. Jahrhundert geläufig waren, sind in einer Zeit der Unruhe und des Aufbruchs wie der unsrigen wohl nicht mehr durchführbar; das letzte, was seitens der jüdischen Geschichtswissenschaft im alten Stile geleistet werden konnte, ist wahrscheinlich Dubnows „Weltgeschichte" gewesen. Elbogen hat das Opfer der Beschränkung auf sich genommen, die Geschichte der Juden in Deutschland auf dem knappen Räume von nicht viel mehr als dreihundert Seiten zu erzählen. Sein Buch will nicht durch Anschneiden strittiger Probleme den Akt des Forschens in seinem Vollzug zeigen, sondern dem bildungswilligen Publikum ein abgerundetes Bild geschichtlicher Erzählung bieten; es ist, wenn man so will, in einem edlen Sinn „populärwissenschaftlich". Dies ist ein um so größeres Opfer, als seine Abfassung die Kenntnis eines ungeheuren Bestandes an Quellen und Spezialliteratur voraussetzte. Seit Georg Simmel in seinen „Problemen der Geschichtsphilosophie" uns gelehrt hat, daß Geschichte keine Fotografie, sondern Auswahl, auf den einzelnen bezogenes Leben, etwas höchst Subjektives ist, seit einer unserer großen Bildner gelehrt hat, daß Zeichnen Weglassen bedeutet, seither ist es uns zur unumstößlichen Gewißheit geworden, daß in der Auswahl, Gliederung und Auffassung des geschichtlichen Stoffes etwas Schicksalhaftes waltet. Unter diesem Gesichtspunkte muß Elbogens Geschichtsbuch sowohl nach der wissenschaftlichen als auch nach der weltanschaulichen Seite hin gewertet werden. Er mußte die gewaltige Masse des Stoffes einer energischen Vereinheitlichung unterwerfen, die allgemein deutsche Signatur der Epochen mit wenigen knappen Stichwörtern andeuten, auf eine ins Detail gehende Schilderung des Zuständlichen verzichten und dafür auf die Knotenpunkte der Entwicklung um so sichtbarer den Wichtigkeitsakzent setzen. So spricht aus dem Buche fast ausschließlich der „politische Historiker", der die Dynamik der Ereignisse vom Staatlichen her aufzufangen bemüht ist; das Kulturgeschichtliche tritt in den Hintergrund. Der Primat des Politischen hat es bewirkt, daß Elbogen die Konzeption von Graetz, die nicht das Leben um des Lebens, sondern nur um des Geistes willen gelten ließ, absichtlich preisgegeben hat. Dagegen hat Dubnows Theorie vom jeweils sich verlagernden Zentrum in der jüdischen Geschichte anscheinend Elbogen veranlaßt, den räumlichen und landschaftlichen Verlagerungen des Judenschicksals in Deutschland Beachtung zu schenken. 370

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