Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Karl Mannheim, Mensch und Gesellschaft im Zeitalter des Umbaus [Rezension]
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 328 (sequence 3)
- Language
- German
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Kräfte zu lenken, zu erziehen, sie aus den Gebieten, in denen sie Unheil anrichten, ab- und zu den Gebieten hinzulenken, in denen sie als wertvoller Teil des menschlichen Wesens positiv gestaltet werden können. Hat die erste Untersuchung Mannheims die Notwendigkeit der Erziehung, der Menschenformung zur Beseitigung der Disproportionalitäten herausgestellt, so untersucht er in der zweiten Abhandlung „Die soziologischen Ursachen der gegenwärtigen Kulturkrise" die Frage, ob die Elitegruppen, die bisher entweder durch ihr Vorbild oder durch ihre Tätigkeit die Massen geführt oder beeinflußt haben, in der Lage sind, diese Erziehung durchzuführen. Die Intelligenz aber wird nach Mannheim durch vier Prozesse daran gehindert. Die wachsende Zahl, d. h. die Zersplitterung der Elitegruppen zerstört ihre Stoßkraft, die Verbindung der Elitegruppe zur Masse ist in der demokratischen Gesellschaft zu eng und so dicht, daß die Ausprägung und Ausreifung eines Stils gar nicht mehr möglich ist. Drittens hegt in der Einschränkung des Leistungsprinzips zugunsten anderer Auswahlprinzipien die Gefahr der Isolierung. Schließlich wird die Zusammensetzung der Eliten, die durch die katholische Kirche immer einen internationalen Teil enthielt, zugunsten bodenständiger Intelligenz verändert. Durch das Überangebot an Intellektuellen und die daraus folgende Proletarisierung sinkt die Achtung vor dem Geist im Publikum überhaupt. Aber selbst dann, wenn der Apparat der kulturellen Übermittlung intakt wäre, könnten die Intellektuellen die Aufgabe der Menschenformung deswegen nicht durchführen, weil sie d i e Denkform und d i e Geisteshaltung nicht besitzen, die „Das Denken auf der Stufe der Planung" — dieses ist der Titel der dritten und wesentlichsten Abhandlung — erfordert. Denn wir befinden uns jetzt nach Mannheim in einem Zeitabschnitt, in dem die bisher gemachten Erfindungen planvoll aufeinander abgestimmt, in einen sinnvollen Zusammenhang gebracht, d. h. als Teile und Stufen vom Ganzen her geordnet und ausgerichtet werden müssen. Diese neue praktische Aufgabe erfordert nach dem Gesetz der Wissenssoziologie ein neues Denken, das im Gegensatz zu der bisher herrschenden spezialistischen Geisteshaltung nicht mehr an den Grenzen des Fachgebietes halt macht, sondern gerade die Verknüpfung der bisher getrennt erlebten und gedachten Sphären der menschlichen Welt erforscht. Außerdem erfordert das planende Denken, daß auch das Individuelle, das Einmalige, der Ausnahmefall auf seine Gesetz- und Regelhaftigkeit hin untersucht wird, ohne daß dem Individuellen', wie es im bloß abstrahierenden Denken geschieht, der Charakter des Einmalig-Konkreten verloren geht. So liefert uns Mannheim zum einen die Mittel, die uns in den Stand setzen, die Technik der Situationsanalyse bewußt zu beherrschen und zum andern den Nachweis, daß die gegenwärtige Kulturlage das Denken in Situationen erfordert. Erich Rosenthal 328