Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Karl Mannheim, Mensch und Gesellschaft im Zeitalter des Umbaus [Rezension]
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 327 (sequence 2)
- Language
- German
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aus, deren selbstverständliches Nebeneinanderstehen den Massen wie den Gebildeten bei vernünftiger Überlegung vollkommen unbegreiflich und das Unverständlichste auf der Welt ist. Der Doppelcharakter der Technik ist es, der die Menschheit aufs tiefste beunruhigt und bedrückt. Auf der einen Seite hat das Zeitalter der Technik überhaupt erst das Dasein der großen Massen ermöglicht und erträglich gemacht, auf der anderen Seite ist genau dieselbe Technik in der Lage, dieselben Massen in Form der Kriegstechnik zu vernichten, gewissermaßen ihre eigenen Kinder aufzufressen. Oder: in demselben Tempo, in dem die Welt immer kleiner, in dem der Güteraustausch durch ein gut organisiertes Verkehrsnetz immer leichter wird, wachsen auch die Hemmungen, die den Güterverkehr fast unterbinden. Die Tatsache, daß dem Wissen des Menschen als einem erfindenden, lebenspendenden sich zuweilen der Wille des Menschen als ein vernichtender, lebenzerstörender entgegensetzt, die Tatsache des Nachhinkens der Moralität und der Willensfähigkeit hinter den intellektuellen Fähigkeiten belegt Mannheim mit dem Begriff der „Allgemeinen Disproportinalität der menschlichen Fähigkeikeiten". Die Tatsache, daß verschiedene Gruppen und Schichten je nach ihrer sozialen Lage und Aufgabe verschieden stark moralisch und intellektuell begabt sind, nennt Mannheim „soziale Disproportionalität". Zwei soziale Prozesse fordern nach Mannheim gebieterisch die Beseitigung dieses Mißverhältnisses. Die bisher führenden Eliteschichten, die nach ihrer Herkunft seelisch und geistig für ihre Aufgabe geschult waren, werden durch Gruppen, die aus der Masse unmittelbar aufsteigen und denen die notwendige Schulung fehlt, verdrängt und überschwemmt. Diese Aktivierung der Masse und ihre unmittelbare Teilnahme am politischen Geschehen hat das unberechenbare Aufflammen des Irrationalen zur Folge. Dieses Anwachsen des Irrationalen aber widerstreitet der Ordnung der modernen Gesellschaft, die durch die zunehmende Geordnetheit und wachsende wechselseitige Abhängigkeit aller Teile gekennzeichnet ist. Die Verflochtenheit zwischen den einzelnen Gruppen, Schichten und Völkern ist derartig dicht, daß der Eingriff an einem Teil sofort eine Krise des Ganzen zur Folge hat. Das Anwachsen der ordnenden rationalen Kräfte und das gleich starke Anwachsen der ungeordneten irrationalen Kräfte aber hat seine genau angebbare Quelle im Prozeß der Rationalisierung. Auf der einen Seite erfordert die zunehmende Rationalisierung, d. h. Industrialisierung, Durchorganisierung und Arbeitsteilung eine erhöhte Anpassungsfähigkeit und Selbstbeherrschung, auf der andern Seite aber nimmt sie dem Menschen die Selbständigkeit des Denkens und Urteilens, die Übersicht über das Ganze der modernen Gesellschaft, kurz, sie „vermasst" ihn. Der Mensch als Teil einer seelisch ungeformten Masse ist nun für irrationale Ausbrüche leicht empfänglich, in denen er den rationalen Apparat zerschlagen möchte. Da aber die moderne Industriegesellschaft nur bei Strafe des Untergangs auf den rationalen Apparat verzichten kann, wird es für die Gesellschaftsorganisation notwendig, die irrationalen 327