Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Moritz Heimann
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 318 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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tiefer Kenntnis der Welt und der Literatur die Gegensatzpaare entwickelt, in denen sich das Leben bildet, und der auf die tiefe Einheit dieser Gegensätze mit Worten von wahrhaft dichterischer Kraft hinzuweisen vermag. Dabei war Moritz Heimanns Interesse, in scheinbar wieder paradoxer und tiefsinniger Art, ebenso stark auf die Politik wie auf die Kunst gerichtet. Er erkannte sehr früh, daß die Politik „in mehr als technischem Sinne eine Kunst ist", daß sie uns lehrt, „zwischen Journalismus und Chiliasmus hindurch zu steuern in kluger Fahrt", daß sie allein das Wunder der Form im Zeitlichen vollbringt, von dem unser Körper so leben muß wie unser Geist von dem Wunder der Form, mit dem die Kunst unserer Seele unendliche Ruhe schenkt. In diesem Wunder erfaßte Moritz Heimann das Geheimnis des Göttlichen — wiederum paradox —, er war ein unermüdlich spaltender Skeptiker und ein tief gläubiger Mensch zugleich. Er kannte die Notwendigkeit scharfen begrifflichen Denkens und sagte: „Mir würde der Rationalismus schon genügen, leider nur genüge ich ihm nicht." Aber er kannte auch die großen Gefahren des nurvernünftigeni Denkens: „Eine Zwiebel besteht aus lauter Häuten, also gibt es keine Zwiebel?!" Es gibt doch eine; und das eben ist das Geheimnis der Form, die das innerste Wesen der Welt umschließt, an das man glauben muß. Moritz Heimann war ein Sohn der Mark Brandenburg und ein uralt grüblerischer Jude und wollte beides sein. Er war in Kagel geboren, einem kleinen Ort weit von Berlin, wo seine Familie die einzige jüdische war. Das Häuschen dort behielt er als einzigen Besitz; er kehrte von Berlin jedes Jahr wochenlang, später .monatelang dort wieder ein. Die Einfachheit der harten Natur dort, Land und Menschen, war seine tiefste Kraftquelle, und er empfand keinen Gegensatz darin, von ihr und zugleich von altjüdischer Vergangenheit zu leben. Er schrieb einmal: „Es ist nichts Unnatürliches darin, seine Bahn mit zwei Mittelpunkten zu laufen, einige Kometen tun es und die Planetenalle. Unvereinbar Scheinendes zu vereinen, darin bestehtimGrunde das ganze geistige Geschäft." Mit dieser so vielleicht am einfachsten formulierten Konsequenz hat nun Moritz Heimann auch sein Verhältnis zum Judentum gestaltet. Er hat sich nur zu bestimmten Anlässen, aber dann mit tiefer und leidenschaftlicher Wucht darüber geäußert. Es scheint, daß er in seiner Jugend von strenger Orthodoxie bedrückt war, denn er schreibt einmal über einen neuen Autor, der die Orthodoxie als Rettung des Judentums empfiehlt: „Vielleicht hat er in seinen Kinderjahren die Orthodoxie nicht genug zu spüren bekommen, um vom Recht, von der grimmigen Notwendigkeit der Revolte gegen sie vom Leibe aus zu wissen." Aber er hielt, fern aller Parteibindungen, auf selbstbewußtes Judentum. In diesem Sinne wollte er Zionist zwar nur „in partibus" sein: „aber allerdings bin ich einer, solange ich denken kann und ehe dieses Wort an mein Ohr schlug." Er versteht unter Zionismus ein unzerstörbares und stets gegenwärtiges jüdisches Selbstgefühl und be- 318