Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Presseschau
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 313 (sequence 1)
- Language
- German
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Presseschau Seit der offiziellen Verkündigung der allgemeinen Wehrpflicht ist eine gesteigerte Erörterung der Probleme des Krieges, seiner philosophischen Begründung und praktischen Wirkung, der Ideologie des soldatischen Menschen und der Bedeutung eines Krieges für die Zukunft Deutschlands und Europas in den deutschen Zeitschriften zu beobachten. Eine klärende Antwort auf das „Warum" des Krieges zu finden, erscheint heute gerade darum so wichtig, da eine dauernde Sicherung des Friedenszustandes ein Ziel ist, „dem ernstlich nachzustreben unser Zeitalter sich den Anschein gibt", wie Claus Schrempf in dem Aufsatz „Das Warum des Krieges" (Tat, Juliheft) schreibt. Er beschäftigt sich zunächst mit den inneren Ursachen des Krieges, die er in den politischen Machtverhältnissen sieht, mit der anscheinend kriegerischen Natur des Menschen und mit der geschichtsbildenden Bedeutung des „Elementes" Krieg (er nennt den Krieg eine soziale Kategorie), spricht von der Rolle des Krieges als Verteilungsmechanismus (Kant) und als Bestimmer des Güteverhältnisses unter den Menschen (Darwin) und kommt dann zu der Feststellung einer Beziehung zwischen Krieg und Technik, ja zu einer möglichen Ablösung des Krieges durch die Technik. Er sieht sie nicht etwa durch eine noch stärkere Technisierung des Krieges (etwa durch Vervollkommnung der Verteidigungswaffen) kommen, denn es bleibe zweifelhaft, ob man den Krieg mit seinen eigenen Mitteln bannen kann, sondern durch eine Ablösung auf langsamere, organische Weise, „mit der Macht und Allmählichkeit eines Klimawechsels", indem nämlich die Technik ein so anderes Zeitalter und Geschichtsbild zu schaffen vermag, daß der Krieg in seiner bisherigen Form überflüssig sein wird. „... Zum Frieden gehört mehr als der gute Wille... Die Völker müssen auch wirklich imstande sein, den Frieden zu wollen und den Krieg zu entbehren. Es müssen die materiellen Tatsachen und objektiven Voraussetzungen da sein, die ein dauernder Friede erfordert. Der Krieg muß überflüssig geworden sein. Wäre auf rein formalem Wege, mit Pakten und Traktaten, die Gewalt endgültig durch Verständigung zu ersetzen, dann war ja aller Krieg nur Mißverständnis, Irrtum, Diplomatenpech, eine Auffassung, die angesichts der Massengräber nicht nur unglaubwürdig, sondern ruchlos ist... Soll daher der Krieg für immer abgeschafft werden,.. so müßte zuvor seine Notwendigkeit fortgefallen sein. Es müßte die Funktion, die er auszuüben hat, auf eine andere Bewegkraft übergehen, die fortan dafür sorgte, daß das Leben der Menschheit Geschichte bleibt, also in Umwälzungen vor sich geht. Wenn wir uns nach einer derartigen Macht, der die Nachfolge des Krieges zukommen könnte, ... umsehen, so fällt unser Blick auf die Technik." Dieser noch jungen Macht schreibt man schon ähnliche Eigenschaften und Wirkungen zu wie dem Kriege; man spricht von dem Fluch der Technik, vom Moloch Maschine, von der industriellen Reservearmee. 313