Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Frankreich und Nordafrika
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 281 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Lotte Bock: Italien Fragen. Der gottesdienstliche Ritus dieser Gemeinden weist eine Reihe arabischer Gebete auf. Manche abergläubischen Gebräuche, vor allem im Landesinnern, haben sich erhalten. In den größeren Hafenstädten existieren umfassendere Jugend- und Sportorganisationen, dem Namen nach zionistisch, ohne daß bisher aber eine verpflichtende Aktivität aus dem Lippenbekenntnis entsprungen wäre. Von Deutschland her gesehen, erscheint alles Jüdische auf dem Boden des französischen Mutterlandes wie in seinem Kolonialreich unverpflichtend, bestenfalls traditionell. Der Jude in Frankreich hat viel von der Skepsis des Franzosen angenommen, der im Ablauf des Alltags großen Gefühlen mißtraut. Und doch macht diese Furcht vor dem Pathos nicht den ganzen Franzosen aus. In einem ihrer Besten, in Emile Zola, ist einmal etwas von der Art unserer Propheten wieder erwacht. Wie diese hat auch er den Mut gehabt, der Masse entgegenzutreten und ihr den Gottesgedanken des Rechts in der Menschengemeinschaft zu künden. Damals ging es bloß um einen Juden und ging doch um mehr. Nur Dreyfus selbst, den das Schicksal sich zum Werkzeug erkor, verstand nichts davon. Das Wort, das er in seiner biederen Ahnungslosigkeit fortwährend wiederholte — „Ich bin unschuldig; es lebe Frankreich!" —, ist bis heute der Inbegriff des französisch-jüdischen Glaubensbekenntnisses. Lotte Bock: Italien Entscheidend für das jüdische Dasein in Italien ist, wie in anderen Ländern auch, das zahlenmäßige Verhältnis der jüdischen zu der nichtjüdischen Bevölkerung. Erstaunlich gering ist die Zahl der Juden in diesem Lande, das so zahlreiche uralte und berühmte Gemeinden aufzuweisen hat, aus dem so viele jüdische Persönlichkeiten von historischer Bedeutung hervorgegangen sind. Venedigs altes Ghetto, der romantischen Legende ein hochwillkommner Schauplatz; Roms nachweislich seit des Pompejus Zeiten bestehende Gemeinde mit dem Wahrzeichen jüdischer Knechtschaft, dem Titusbogen; die Gemeinde Livorno, berühmt als Zufluchtsstätte, als rettender Hafen für die schiffbrüchigen spanischen Flüchtlinge: diese Begriffe sind dem mit seiner Geschichte vertrauten mitteleuropäischen Juden so geläufig, daß die Gesamtzahl 281