Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Frankreich und Nordafrika
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 277 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Gesa Raschi: Frankreich und Nordafrika An das Judentum, das mit den Römern nach Gallien kam und im Jahre 1394 des Landes verwiesen wurde, erinnern heute nur noch Museumsstücke, Straßennamen und — der Bibel- und Talmudkommentar des Rabbi Schlomo Itzchaki (Raschi), der von 1040—1105 lebte und in Troyes in der Champagne gelehrt hat. Das französische Judentum von heute ist zum kleineren Teil — im Elsaß und im ehemaligen Kirchenstaat — durch Annexion, zum größeren Teil — in Südfrankreich und vor allem Paris — durcli Zuwanderung unter französische Herrschaft gekommen. Im Jahre 1789, bei Ausbruch der französischen Revolution, war die Judenfrage sogar noch im territorialen Sinne des Wortes eine periphere Angelegenheit der französischen Innenpolitik. Die 40 000 Juden (=0,15o/o der damaligen Gesamtbevölkerung) lebten zu dreiviertel in den dem Rhein benachbarten Provinzen, das restliche Viertel in den südlichen Hafenstädten des Atlantik und im Rhonetal. Paris hatte damals weniger als 1000 Juden unter seinen Einwohnern. Kurz vor dem Auseinandergehen der Nationalversammlung im September 1791 erneuerten judenfreundliche Abgeordnete den bisher in einer Kommission begrabenen Antrag, den elsässischen Juden das Bürgerrecht aus prinzipiellen Gründen der Menschlichkeit einzuräumen, nachdem die Emanzipation der südfranzösischen und Pariser jüdischen Gruppen schon vorher auf Betreiben von Abbe Gregoire, Clermont-Tonnere und Mirabeau ausgesprochen worden war. Obgleich dieser Antrag angenommen wurde und auch die Elsässer Juden in den darauffolgenden Jahren Staatsbürgerrechte genossen, wirkten soziale und wirtschaftliche Spannungen sich weiter derart aus, daß Napoleon in den Jahren 1806 bis 1808 zeitlich befristete Ausnahmegesetze erließ, die wirtschaftliche Betätigung, Wohnsitzwechsel und anderes für die Juden beschränkten. Am 29.7.1806 trat, von Napoleon zusammenberufen, eine Versammlung von jüdischen Notabein unter dem Vorsitz Abraham Furtados aus Bordeaux zusammen, um zu einer von drei kaiserlichen Kommissaren überreichten Liste von zwölf Fragen Stellung zu nehmen, die sich u. a. auf ihren Patriotismus, auf die Verbindlichkeit der Staatsgesetze, Diffamierung des Wuchers und die Gültigkeit von Mischehen bezogen. Die Beschlüsse der Versamm- 277