Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Polen und Litauen
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 262 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- Odesa 1× ep/1000834
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Hanns Reißner eine getrennte Entwicklung. Aus Posen, Westpreußen und dem Netzedistrikt kehrte, soweit und sobald die preußischen Gesetze es erlaubten, die Jugend überwiegend nach Mitteldeutschland zurück. Wieder eine Generation später, als jüdische Soldaten unter den deutschen Fahnen auf den östlichen Kriegsschauplatz gelangten, war der gemeinsame Ursprung fast allgemein vergessen und das „Ostjudentum" Gegenstand liberaler Fürsorge seitens der mit deutschjüdischen Politikern besetzten Jüdischen Abteilung im Generalgouvernement Warschau und im Oberkommando Ost. Die Juden, die bis 1919 in den an Polen heimfallenden preußischen Provinzen verblieben waren, optierten damals fast restlos für Deutschland und übersiedelten ins Reich. Heute bildet daher der Westmarkenteil der Republik Polen mit nur noch 9000 Juden (= 0,4o/o der dortigen Bevölkerung), trotz inzwischen erfolgter Zuwanderung aus Kongreß-Polen, den von Juden am dünnsten besiedelten Teil des polnischen Staates. Auch aus Galizien übersiedelten in der österreichischen Zeit viele Juden in die zentralen Großstädte der Donaumonarchie. Jedoch wohnen die Juden in Galizien zu dicht, als daß diese Provinz durch Abwanderung hätte entblößt werden können. Sie bilden 30o/o (100 000 Seelen) der Bevölkerung von Lemberg und 25o/o (45 000 Seelen) der Einwohnerschaft von Krakau. In den kleineren Marktflecken erreicht ihr Anteil an der Einwohnerschaft noch höhere Sätze. Besonders charakteristisch für Galizien sind die zahlreichen jüdischen Gutspächter auf den Gütern des landabwesenden, in den Städten residierenden Adels. Der Hauptteil der polnischen Juden hat aber immer in Kongreß-Polen gelebt, das bis zum Kriegsende russisch war und zusammen mit den litauischen und einigen südwestlichen Gouvernements den sogenannten jüdischen Ansiedlungsrayon bildete. Die mehr als vorsichtige Filtrationspolitik der zaristischen Regierung ermöglichte immerhin einer Minderheit von Akademikern und Kaufleuten 1. Klasse die Übersiedlung nach Innerrußland, insbesondere nach Petersburg. Moskau und Odessa. Diese Schicht Juden vergaß über der Aneignung russischer bürgerlicher Kultur nicht den Zusammmenhang mit ihrem Volk. Aus ihr erwuchsen die Führer der russisch-jüdischen Landespolitik und des Zionismus. Männer wie Simon Dubnow, Schmarjahu Levin, Chajim Weizmann und Chajim Nachman Bialik wurden nicht nur dem Ostjudentum, dem sie entstammen, Führer in geistiger und politischer Hinsicht. Sie sind für uns alle sinnfällige, gültige Verkörperung jüdischer Würde, jüdischer Tradition und jüdischer Erneuerung geworden.— Die größten Judengemeinden beherbergen heute Warschau (übrigens die größte Judengemeinde Europas) mit 340 000 Juden (= 32,5o/o), Lodz mit 155 000 (34q/0) und Wilna mit 56 000 (43o/o). Insgesamt leben auf dem Territorium des wieder erstan- 262