Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1935-08-01 · Heft 5 (August 1935) · p. 240

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 5 (August 1935)
Article
Englische Philosophie der Gegenwart [Rezension]
Date
1935-08-01
Page
240 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2895450-2895539-2895545-2905212--08202-2905279
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Wichtiger aber ist, daß die außer Bertrand Rüssel bedeutendsten englischen jüngsten Denker J. E. Mc Taggart, A. N. Withehead, Samuel Alexander, soweit ich sehe zum erstenmal, einem breiteren deutschen Publikum erschlossen werden. Ich muß mich hier darauf beschränken, auf die greise, menschlich und philosophisch außergewöhnliche Gestalt von Alexander (geboren 1859) und sein bedeutendes Werk „Space, Time and Deity" (2. A. 1927) nachdrücklich hinzuweisen. Denn in ihm vollzieht sich das merkwürdige Geschehen, daß eine Vereinigung von Zeit und Raum, die er Raum-Zeit nennt, nicht nur zum Urstoff, sondern auch zur Urstruktur aller Dinge, damit auch zum Absoluten erhoben wird. Während für Bergson die Zeit, in deren momentaner Neuschöpfung sich die gesamte Vergangenheit erhält, die Dauer (duree) das Absolute wurde, hebt Alexander mit Recht die falsche Isolierung der Zeit vom Raum auf, aber macht zu Unrecht diese Raum-Zeit — die mit der Minkowskischen Raum-Zeit der Relativitätstheorie nur Namen und Grundtendenz teilt — zum Absoluten. Diese Raum-Zeit ist ihm der eigentliche Schöpfer der Welt, und die Verkehrung, in der sich der heutige Mensch dem Absoluten gegenüber befindet, kommt darin zum Ausdruck, daß Gott nichts anderes als der Weltdrang in der aufsteigenden Entwicklung, der Emergenz ist, d. h. des sprunghaften Überganges zu Schichten neuen und höheren qualitativen Niveaus, ja daß er das höchste Resultat dieser Emergenz oder der Schöpfung darstellt. Diese Lehre ist sowohl als Realisierung einer bestimmten gedanklichen objektiven Möglichkeit wie auch als Entfaltung einer näher zu definierenden subjektiven Möglichkeit der jüdischen Existenz, wie endlich als Ausdruck der Verkehrung unseres Zeitalters interessant. Denn in Bergson sowohl wie in Alexander versucht das der relativistischen Auflösung verfallene Subjekt dieser Auflösung und Relativierung dadurch zu entgehen, daß es dieses Relative, und zwar dessen Erscheinungsform (dort die Zeit, hier die Raum-Zeit) absolut setzt. Zeit und Raum aber sind von Ewigkeit zu Ewigkeit nichts anderes als die Schemata, die Formen, die Bedingungen des Erscheinens. Wenn wir sie absolut setzen, so beweisen wir damit nur, daß wir das Absolute, d. h. das Unsichtbare, das Unzeitliche, das Unräumliche, das Urerscheinende, das sich in der Erscheinung bloß zeigt, das in Zeit und Raum lediglich hervortritt, verloren haben. Insofern liegt in Bergson und Alexander, trotz religiöser Übermalungen, das gleiche Stadium nihilistischen Verfalles vor wie in Nietzsche und Heidegger. — Dies nur ein Beispiel für den Reichtum des Buches, das im Augenblick benutzt werden sollte als Führer zu den Quellen, ehe der eherne Griffel der Zeit so manchen Namen aus dieser Tafel wieder streicht, dessen Werk gewogen und zu leicht befunden werden wird. Die Kunst des Weglassens ist und bleibt die Kunst der Darstellung des Geschichtsschreibers, wie des höchsten Künstlers, des Genius der Geschichte. Fritz Heinemann 240

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.