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Der Morgen · 1935-08-01 · Heft 5 (August 1935) · p. 236

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 5 (August 1935)
Article
Stadt, Volk und Gott in der Dichtung Goldschlags [Rezension]
Date
1935-08-01
Page
236 (sequence 3)
Language
German
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in seinem Gedichtwerk „Das Antlitz der Städte" das Wesensgesetz der Weltstadt besungen. Während nun Goldschlag ebenso wie die genannten deutschen Lyriker die Stadtlandschaft in ihrer Totalität dichterisch zu bewältigen sucht, sind merkwürdigerweise andere deutschjüdische Lyriker bei der „sentimentalischen" Großstadtpoesie verharrt. So haben zum Beispiel Franz Werfel in den Versen „Eine alte Frau geht" und Alfred Wolfenstein in dem Gedicht „Städter" die Einsamkeit des Großstadtmenschen angedeutet, während etwa Max Brod in den Tagebuchversen „Steine, nicht Menschen" den Gegensatz von Mensch und Stadt hervorgehoben hat. Es ist ein Dichten mit „verkehrten Fronten": Goldschlag hat mit Werfel, Wolfenstein und Brod nur sehr wenig gemein, er steht an der Seite von Heym, Engelke, Winckler und Wegner. War nun Goldschlag, der „gute Europäer", der Sänger der großen Städte, des Verkehrs und der Märchenreize der Technik, naturentfremdet? War er, jüdischen Blutes, im deutschen Boden nicht verhaftet? Antwort auf diese Fragen gibt die Gedichtfolge „Eulenspiegel". Sie enthält den poetischen Niederschlag seiner seelischen Beziehung zu der Kategorie „Volk" und insbesondere „deutsches Volk". Der mittelalterliche Schelm, der niedersächsische Volksnarr muß gewissermaßen als Medium herhalten, mittels dessen der jüdische Dichter seiner Verbundenheit mit der deutschen Volkheit — seinem Eingesponnensein in Brauchtum, Sitte, Empfindungsweise des niederen Volkes — Genüge tut. Man erinnert sich, daß Gerhart Hauptmann die Figur des Eulenspiegel zum Mittelpunkt eines schwergefügten, problemgeladenen Buches gemacht hat. Goldschlag ist andere Wege gegangen: er schöpft aus den Tiefen der Volksphantasie, indem er die alte Volksfigur des vagabundierenden „Philosophen" in ihrer wunderbaren Naivität und Reinheit, in ihrer erhabenen Zwecklosigkeit, zugleich in ihrer kauzhaftigen Vergrübeltheit neu erstehen läßt. Sein Eulenspiegel ist vom Blute der Gestalten Wilhelm Raabes: Geschöpf und Sinnbild der niedersächsischen Ebene. Die am Anfang des Bandes stehenden „Ernsten Gedichte" gehören eigentlich sinngemäß an den Schluß. Denn in ihnen kündigt sich die religiöse Wendung an, die die letzte Entwicklungsphase des Dichters gekennzeichnet hat: der Gottsucher Goldschlag spricht aus ihnen. Hier kommt das Jüdische seines Wesens zum Durchbruch. Der Realismus und die harte Sachlichkeit seiner Großstadt- und Industriepoesie liegt hinter ihm, seine dichterische Sprache verschmäht nunmehr die direkte Übernahme „unpoetischer" Formeln wie „Telephon" und „Rundfunksender", sie taucht nicht mehr in die grell beleuchtete Gegenwart, sondern sie sucht das Überirdische. Vorboten dieser neuen und letzten Entwicklung, die sich in Goldschlags Gott-Gedichten ankündigt, sind etwa Verse solcher Art: In Fernen, die wir nie erreichen, Weit an den Rand des Raums gestellt, Steht riesenhaft ein Sternenzeichen Die Formel der gesamten Welt. F. F. 236

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