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Der Morgen · 1935-08-01 · Heft 5 (August 1935) · p. 235

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 5 (August 1935)
Article
Stadt, Volk und Gott in der Dichtung Goldschlags [Rezension]
Date
1935-08-01
Page
235 (sequence 2)
Language
German
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stehenden „S t ä d t e b i 1 d e r n" gefesselt; in ihnen hat Goldschlags lyrische Individualität ihre charakteristische Ausdrucksform gewonnen. Die Stadt, und insbesondere die moderne Großstadt, ist der unabweisliche Vorwurf, die stete Lockung der neueren Poesie und Lyrik. Die gewaltigste Auseinandersetzung mit dem Großstadt-Thema hat der repräsentative Lyriker und Dichter der Epoche, Stefan George, vollzogen. In dem Zeitgedicht „Die tote Stadt" (im „Siebenten Ring") fängt er das Thema in dem großartigen Sinnbild einer Entgegensetzung von alter und neuer Zeit ein: der Fluch des Dichters trifft die moderne Stadt als den Inbegriff des Übels, der seelischen Entwurzelung. Diese oppositionelle Haltung gegenüber der Großstadt ist überhaupt ein entscheidendes Merkmal der neueren Lyrik: die Großstadt gilt ihr als Verderberin der Jugend, Zerstörerin des Kinderglücks. So bei Rilke im „Stundenbuch", so bei Georg Heym und ebenso in Verlaines Gedicht vom Großstadtproletarier „Die Abendsuppe", das Alfred Wolfenstein übersetzt hat. Aber der Moloch Großstadt zerstört nicht nur das Glück der Kinder, sondern auch das Innenleben des Arbeitsmenschen: diesen Vorgang umschreibt Max Barthel in seinem spruchhart geformten Gedicht „Arbeiterseele". Bei all diesen Dichtern erscheint die Großstadt als ein trotz seiner Geschäftigkeit innerlich toter Mechanismus; das Lebendige ist in der Natur. Diese durchgängigen Regungen muß man sich vergegenwärtigen, wenn man den Ausgangspunkt der Großstadtdichtung Goldschlags begreifen will. Hierher gehören besonders der Gedichtzyklus „Hamburg, Monolog einer Stadt" und die Balladen von der Untergrundbahn und vom Unbekannten Toten. Auch Goldschlag hat sich dem Phänomen der modernen Riesenstadt nicht in der romantischen Attitüde des bedingungslos Lobpreisenden genähert. Vielmehr taucht auch bei ihm — in dem Gedichtabschnitt „Resignation" — der Georgesche Gedanke einer Entgegensetzung von alter und neuer Zeit auf: Wenn man im Mittelalter sprach: „der Kaiser", Dann tönte es, als stünde man verneigt. Doch wenn man heute spricht: „die Stadt", dann spüren Wir nur der Häuser kaltes Insgesamt. Aber wesentlich scheint uns zu sein, daß er die Großstadt nicht mehr nur als Konflikt, sondern als Komplex erlebt und gestaltet: die „sentimentalische" Klage über das zerstörte Glück der Kinder ist bei ihm jäh verstummt, denn er begreift die Großstadtexistenz in ihrer harten Notwendigkeit als das unentrinnbare Schicksal des modernen Kulturmenschen. Er empfindet die Stadt als Organismus: Ich bin die Stadt. Ich bin aus Stein lebendig, Wie ihr aus Fleisch und wie der Baum aus Holz. Hier reiht sich Goldschlag in die große Fuge der neueren deutschen Großstadtlyrik: in gleicher Weise hat Georg Heym den „Gott der Stadt", haben Gerrit Engelke und Josef Winckler den Rhythmus der Industriestadt, hat Armin T. Wegner 235

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