Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 5 (August 1935)
- Article
- Ein Fest in Damaskus
- Date
- 1935-08-01
- Page
- 224 (sequence 7)
- Language
- German
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Ludwig Frankl: Ein Fest in Damaskus überschatteten schwarzen Augen, denen die Dichter alle Zauber der Erde zumuten. Alle anwesenden Frauen mochten in ihrer Jugend wenn nicht schön, doch anmutig gewesen sein; jetzt, wiewohl noch nicht alt, sahen sie gealtert, welk und vom vielen trägen Sitzen dick und unförmig aus. Endlich hatte der Tanz ein Ende, und wir wurden wieder in die Speisehalle eingeladen, es war gegen Mitternacht. Wieder war die Tafel glänzend und frisch gedeckt, diesmal nur mit Süßigkeiten. Bäckereien von seltsamsten Formen, eingemachte Früchte von ungeahntem Geschmack, frisches Obst, darunter die berühmten Aprikosen, die eingemacht unter dem Namen Mischmisch bekannt sind, in Zucker eingesottene Rosen- und Lilienblätter, jene mit Rosenöl durchduftete weiche Zuckerpaste, welche die Orientalen Himmelsbissen nennen, all das glänzte und duftete aus silbernen und kristallenen Schalen. Wasser, in Schnee vom Libanon gekühlt, stand in hohen silbernen Kannen auf dem Tische und wurde in Kristallschalen herumgereicht. Der Herr des Hauses bediente, wie schon bei der Tafel, selbst und befehligte eine Schar von Dienern und Sklaven aller Farben, die in musterhafter Weise die Befehle ausführte. An mir aber sollte sich mein Toast auf die Frauenrosen von Damaskus noch rächen. Auf ein gegebenes Zeichen standen alle Frauen auf, jede spießte mit einer Gabel irgendeine Süßigkeit auf, und im feierlichen Zuge mit den wie Zepter emporgehaltenen Gabeln heranschreitend, reichte mir eine nach der andern die Gabel mit der Süßigkeit. Ich durfte, um nicht eine solche außerordentliche Artigkeit zu verletzen, keine Gabel wieder fortlegen, ohne die aufgespießte Süßigkeit genossen zu haben. Die Frauen begleiteten die süße Spende bald mit einem: „Möge es dir Wohlergehen, Herr!" oder: „Gott segne dir den Bissen!" Frau Farchi, als die Jüngste, kam zuletzt mit einem Rosenblatt, es flatterte an der silbernen Gabel wie eine Purpurfahne auf einem weißen Minarett. Sie sagte mir, schüchtern wie sie schien, nichts; ich zögerte, bis die andern Frauen vorgeschritten waren, nahm die Gabel und sagte ihr: „Du bist die Rose und deine Schwestern hier nur die Dornen." Sie sah mich aus den großen Augen schweigend an, und ich konnte merken, daß sie den Sinn kaum verstanden hatte. Nach einer Stunde reichten Diener einem jeden Gaste ein silbernes Waschbecken und ein mit Gold und Silber gesticktes Handtuch aus weichstem Wollstoff." Wir begaben uns wieder in die Versammlungshalle, rauchten Tschibuk und tranken Kaffee, bis es gegen Morgen war und die Gäste sich müde allmählich zu entfernen anfingen. Als ich in einer Straße an einer Moschee vorüberging, sang der Muezzin eben das Morgengebet von einem Minarett herab. 224