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Der Morgen · 1935-08-01 · Heft 5 (August 1935) · p. 216

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 5 (August 1935)
Article
Betrachtungen und Bekenntnisse
Date
1935-08-01
Page
216 (sequence 2)
Language
German
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Moritz Heimann: Betrachtungen und Bekenntnisse Aber wer so tief ist, nach zu vielem „Warum" zu fragen, der, verrät doch, daß ihm Gott und die Welt noch immer ist wie Uhrmacher und Uhr. Ich möchte glauben, daß das Verbot, Bilder zu machen von dem was im Himmel und auf Erden ist, das Urgebot des Judentums war. Damit war der in Bildern doch immer wieder erstarrte Gottes- und Weltglaube erlöst. Glaubst du, die Menschen essen nur Gemüse, Fleisch und Brot? Nein, sie essen auch Liebe und Haß und Gier und Geil. Essen sie nur Gier und Geil und Lieb' und Haß? Nein, sie essen auch einen Gedanken. Fürchte dich nicht zu denken. Die Menschen werden davon essen. Es gibt Gedanken — wenn ihre Stunde schlägt, ist ihre Stunde vorüber. So wahr ist keine Wahrheit, daß sie es ertrüge, Mode zu sein. Wahrheiten werden geschaffen, nicht konstatiert. Man kann befähigt sein, ein Ding zu beurteilen, das man zu' verstehen nicht befähigt ist. Wir dürfen keine Ideen haben, die Ideen müssen uns haben. Ich werde nicht eher urteilen, als bis in meinem Urteil keine Rache mehr sein wird. Der Mensch geht einen bessern Weg mit einem Sack voll Leiden auf den Schultern als mit einem Sack voll Wind. Ist nicht die Nachtigall göttlicher als der Adler? Tobt nicht in ihr gewaltiger als im Adler das Blut des Lebens? Was macht es aus, daß er stärker ist als sie?! Wenn er sie schlägt, schlägt Gott sie nicht unsanfter durch seine Kralle als ihn durch den Pfeil des Jägers. Man soll der Natur nicht die Hand reichen, sonst nimmt sie den ganzen Arm. Das Rassetier, unter seine Naturbrüder entlassen, geht zugrunde; das Gehirn ist weicher als Knochen. Und der Mensch ist auch ein Rassetier. Wer nicht weiß, wie tief vergeblich ein großer Mann ist, der weiß nicht, was ein großer Mann ist; für den war er — vergeblich. Beim Bergaufgehen kann man denken, beim Absteigen aber nicht. Die Zwiebel besteht aus lauter Häuten — also gibt es keine Zwiebel. So zu schließen ist aller Skeptizismus versucht und muß sich hüten. 216

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