Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 5 (August 1935)
- Article
- Ekstatische Wanderung
- Date
- 1935-08-01
- Page
- 214 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Josse Stryck/ Ekstatische Wanderang i. Ich schmeiß gehetztes Leben hinter mich, Den faden Abfall kummervoller Tage, Die bitteren Reste müd durchwachter Nacht Und eingefressenes Leid, stumpf, ohne Klage. Den Rucksack auf den Buckel, auf, hinauf! Der Weg steigt , steil in steinernen Spiralen Bis zu dem Gipfel, der durch Wolken ragt, Dem windzerrauften, sonnverbrannten, kahlen. Mächtiger Hochwald, ächzend, regenfeucht, Harzschwitzend, ewig ungeheures Wunder, Mit Urwelttannen, deren Riesenbart Zur Erde hängt wie grüner, zotfger Plunder. Wie lechze ich in deinen Atem aus Und deinen Atem ein durchhaucht vom Moose, Wie gieß ich meine Hungerseele aus Ins Dunkeltobende und Grenzenlose! Und wie ich aufwärts durch den Tannendom Zum Gipfel über Steingerölle klimme, Fühl ich mich aller Menschenwirrnis fern, Denn aus dem Sturme trifft mich Gottes Stimme. II. Und aus dem Dickicht dring ich in die Wiese, Die in dem Strahlensturm der Sonne gleißt, Indes der Bach den dunklen Durst der Wurzeln Aus krummgewundenen Kanälen speist. O Morgenwiese, menschenferne Weihe! Die Blumen sind lichtinnig aufgetaut, Der Schmetterling wippt auf der Königskerze, Der Falter funkelt taumelnd um die Braut. Und Birken schmiegen sich dem Windesdrängen, Sie prunken, frühlingsgrün, mit Silberblass; Und Bienen summen, Hummeln brummen Friedlich und satt vom honigsüßen Fraß. Ach Leben, Leben jubelt meine Seele, Ich weide in dir jung und widderstark Und fühle meine tiefsten Quellen tönen Und ihre Brandung gurgeln bis ins Mark. Ich bin hier nichts, kein Ich, kein Sonderwesen. 214