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Der Morgen · 1935-08-01 · Heft 5 (August 1935) · p. 213

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 5 (August 1935)
Article
Vor dem Untergang des Zweiten Tempels
Date
1935-08-01
Page
213 (sequence 6)
Language
German
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Vor dem Untergang des Zweiten Tempels die Einigung des Ganzen und auf die politischen Sitten diese erschwerenden Gesetze und Verordnungen weder erhaltend noch einigend, sondern in einer Weise trennend wirkten, daß sie alles entwurzelten und vollends vernichteten. Vor allem wurde jetzt die Trennung und die gegenseitige Überwachung, selbst unter denen, die sich im allgemeinen in ihrer Lebensweise nach den Lehren der Weisen und Peruschim richteten, in einer unerhörten Weise vertieft und verschärft. So sehr, daß die die Gebote mit peinlichster Sorgfalt befolgenden „Genossen" und das ungebildete „Landvolk" fast zu zwei getrennten Völkern wurden, die einander mißtrauten, sich bekämpften und von tiefem Haß gegeneinander beseelt waren. Ferner erwies zuletzt die böse und bittere Prüfung: dadurch, daß allen solchen Übertreibungen Tür und Tor geöffnet waren, bildeten sich aus der Gemeinschaft der Weisen selbst und aus Gruppen ihrer Schüler Sekten, die einander an äußerlicher Heiligkeit und Frömmigkeit zu übertreffen suchten, bis dieser Zustand sich überschlug und sie zu grausamen Mördern machte, die sich selbst als Eiferer (Zeloten) und alleinige Gotteskämpfer bezeichneten. Dagegen wurden jene Weisen und Priester, welche die gut und friedlich Gesinnten führten, sowie alle Ruheliebenden überhaupt, Heuchler genannt und Knechte der Götzendiener. Es gelang ihnen, die törichte Menge nach sich zu ziehen und nach ihrem Willen zu lenken, während die wahren Weisen gegen die aus ihrem eignen Kreise hervorgegangenen Eiferer nichts auszurichten vermochten. Drittens haben die Römer, die seit der Zeit des Herodes, bevor sie es ganz unterwarfen, viel ins Land zu kommen pflegten, diese immer schärfer betonte Entfernung und Abtrennung unserer Lebensweise von der ihren als Haß gegen sie und als Menschenhaß überhaupt ausgelegt. Daher die Verleumdung gegen uns, als seien wir Feinde der Menschheit, die seither in jenem Wort „odium generis humani" so verbreitet worden ist. Man darf sich darüber nicht wundern, denn sie sahen nur das Äußere der Bräuche, während ihnen der Inhalt und das Wesen der Tora, die nichts als Liebe und Güte für das gesamte Menschengeschlecht ist und deren Wege alle friedlich sind, verborgen blieb. — Das Sonderbare daran ist: während in den Tagen des ersten Tempels die unwürdige Angleichung an die Nachbarvölker in Gottesdienst und Sitte den Untergang des Staates herbeiführte, wurde in der letzten Zeit des zweiten Tempels die übermäßige Lostrennung und Entfernung von der herrschenden Nation zu einer der Hauptursachen der Katastrophe. Sie waren es, die Haß und Verachtung auf beiden Seiten maßlos steigerten, bis der Raum ihnen zu eng wurde, die Kraft zum Ertragen versagte und die Rebellion ausbrach und in Verzweiflung Alles in den Untergang mit sich riß. Aus dem Hebräischen übertragen von Efraim Frisch 213

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