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Der Morgen · 1935-08-01 · Heft 5 (August 1935) · p. 202

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 5 (August 1935)
Article
Der Jude im Wandel der Reichsidee
Date
1935-08-01
Page
202 (sequence 6)
Language
German
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Fritz Friedlaender: Der Jude im Wandel der Reichsidee Erst als die späteren Habsburger durch das politische Parallelogramm zwischen Madrid, Rom und dem Donauraum einen neuen Universalismus begründeten, erfuhr die Lage der Juden eine allmähliche Besserung. Kaiser Karl V., der Weltherrscher, in dessen universalem Reich „die Sonne nicht unterging", hat durch das Speyerer Privileg von 1544 — auf Heinrich IV. und die Staufer zurückgreifend — die Juden wieder unter den Schutz der kaiserlichen Reichsgewalt gestellt. Nachfolgende Herrscher aus seinem Geschlecht wie Ferdinand I., Rudolf II. und Ferdinand II. haben die Bahn seiner judenfreundlichen Politik weiterverfolgt. Das Toleranzedikt von 1782, durch das Kaiser Joseph IL, der Sohn der Maria Theresia, die Judenemanzipation einleitete, bildet den Endpunkt jener Entwicklung. Nachdem im Jahre 1806 Napoleons schicksalsschwere Hand das Erste Reich der Deutschen zerbrochen hatte, setzte im vorigen Jahrhundert das Ringen um das neue Reich ein. Wiederum stießen die universale und die nationale Reichsidee aufeinander; und abermals färbte das auf die Beantwortung der Judenfrage ab. So trat — um den Gegensatz an zwei großen Männern zu verdeutlichen — der Freiherr vom Stein, der Repräsentant der universalen Reichsidee, für die Judenemanzipation ein, während Friedrich August Ludwig von der Marwitz, der Repräsentant der nationalen Reichsidee, der vom Osten, von Brandenburg-Preußen her das Reich begriff, die Judenemanzipation aufs schärfste ablehnte. Das Zweite Reich schließlich, der Bismarckstaat, verdankte einer Mischung aus Nationalem und Universalem seine Entstehung: national war das preußisch-protestantische Element, universal der unbestreitbar große Einfluß des katholischen Zentrums. Diese Zwiespältigkeit hat es mitverschuldet, daß trotz vollzogener Emanzipation (1869) die „Judenfrage" fortbestand. Hans Blüher erklärte einmal in seiner Schrift „Secessio judaica, der Juden Aufgabe sei es, „das Reich zu verhindern". Nun hat aber, wie wir zeigten, gerade das universale Reich der jüdischen Enklave in Deutschland Rückhalt geboten. Obwohl jüdischerseits feine Fäden zur Vorgeschichte der nationalen Reichsidee laufen — man denke an die jüdische Binnenwanderung innerhalb der deutschen Ostkolonisation, an die Judenpolitik der Hohenzollern u. a. —, so müssen wir dennoch feststellen, daß der heutige Durchbruch jener Reichsidee — das Dritte Reich — den Juden aus der deutschen Volksgemeinschaft ausgeschlossen hat. Eine mehr als tausendjährige Beziehung der Juden zur deutschen Reichsgeschichte hat damit einen neuen Akzent von tragischer Schwere erfahren. 202

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