Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1935-08-01 · Heft 5 (August 1935) · p. 196

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 5 (August 1935)
Article
Umschau
Date
1935-08-01
Page
196 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2895450-2895539-2895545-2905196--08136-2905235
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Umschau Horizont muß — um nur dieses eine Beispiel zu erwähnen — davor schützen, zum höheren Ruhm der Partei willen ein in Erschütterungen bebendes Diaspora-Zentrum als „sturmreif" zu behandeln, weil die Steilheit der palästinensischen Konjunkturkurve in steigendem Maße des wirtschaftlichen Hinterlandes bedarf. Der jüdische Horizont umfaßt beide: die Diaspora und Palästina. Wer ihn überschaut, wägt beider Werte und Kräfte, Gefahren und Hoffnungen in Gegenwart und Zukunft. Er weiß, daß beide leben müssen — aller Konjunktur und Krise, die heute hier und morgen dort aufbauen oder zerstören, zum Trotz: in gegenseitiger Bezogenheit und Befruchtung. * Der französische Oberstleutnant Alfred D r e y f u s ist gestorben, ein bescheidener Mann Mitte der Siebzig, über dessen Grab nun, unter dumpfem Trommelwirbel, Ehrensalven derselben Armee knattern, die ihn als Spion einst feierlich aus ihren Reihen stieß. Ein bescheidener Mann mit historischem Namen. Er hätte ein Genie sein müssen, um der Rolle seines Namens zu entsprechen, und so suchte er, als kleine Figur, möglichst rasch der Öffentlichkeit aus den Augen zu kommen, ja „seine" Affäre vor den Augen der Kar mera in Schutz zu nehmen, als sie längst nicht mehr seine Affäre war. Denn der „Fall Dreyfus", für den er als Statist seinen Namen und — bittere Jahre der Verbannung auf der Teufelsinsel ins Spiel gab, war längst nicht mehr nur der Kampf für seine Unschuld, sondern der Kampf um die Frage, wer und was in Frankreich herrschen sollte: Gerechtigkeit oder Staatsräson. Erst schien es, als ob die Staatsräson siegen sollte; in der Berufungsverhandlung versuchte man es durch Begnadigung mit einem Kompromiß, und nach zwölf Jahren erst, unter der Führung von Männern wie Zola, Anatole France, Briand und Clemenceau, wurde Frankreich sich darüber klar, daß es Gerechtigkeit sogar in einem individuellen Fall zur Grundlage seines öffentlichen Lebens machen müsse. Europa hat damals an dieser Frage, die an den Bestand des französischen Staates und, als Frage der politischen Moral, an den aller Staaten rührte, leidenschaftlichen Anteil genommen; es schien, als ob sie für dauernd mit diesem Fall erledigt sei. Aber jeder Generation wird, wie es scheint, diese Frage von neuem gestellt, jede hat sie neu zu beantworten — auch wenn sie sich nicht wie damals gerade an der Person eines Juden entzündet. 196

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.