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Der Morgen · 1935-07-01 · Heft 4 (Juli 1935) · p. 188

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 4 (Juli 1935)
Article
[Rezension]
Date
1935-07-01
Page
188 (sequence 5)
Language
German
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es das unverrückbare Ziel der Geschichtswissenschaft, die Wahrheit zu suchen. Daß dies nicht geschieht, wenn man dem historischen Tatbestand eigene Meinungen unterlegt, beweist die Arbeit Graus von neuem. 1. EI bogen Martha Wertheimer, „Alle Tage Deines Lebens", Verlag J. Kaufmann, Frankfurt a. M. 1935 Der Name Martha Wertheimer ist in letzter Zeit viel genannt als Verfasserin eines Theaterstückes „Channah", das vom Frankfurter Kulturbund mit Erfolg aufgeführt worden ist. Den Zeitungen, die Besprechungen über dieses Stück brachten, wurde — mit Photos von Szenenbildern — auch ein Bild der Verfasserin zugesandt. Dieses Bild sieht man nun vorsieh, wenn man versucht, dem Buch gerecht zu werden, das Anfang des Jahres von Martha Wertheimer erschienen ist. „Alle Tage Deines Lebens" heißt es und ist „für den Werktag und für den Feiertag der jüdischen Frau" bestimmt. Man glaubt dem Buch — und dem Bild —, daß hier ein gütig warmer Mensch, eine Frau mit Einfühlungsvermögen, anderen Frauen helfen will und mancher Frau mit ihren Worten auch eine Hilfe sein kann. Man glaubt, daß es sich um erlebte Feststimmungen, um erfahrenes Leid, um wirkliches Hoffen handelt. Man spürt, Martha Wertheimer hat echte Bindungen zur jüdischen Tradition und zur Gefühlswelt des Judentums. Aber — man darf die Grenzen, ja, die Gefahren eines solchen Buches nicht verschweigen. Martha Wertheimer charakterisiert in ihrem Vorwort ihr Buch als eine Art „Andachtsbuch". Trotz der Vermeidung des Gottesnamens sind ihre Skizzen — Predigten. Wie weit sich solche Andachtsstimmungen mit Fragen wie „Krankenbesuch", „Gäste werden kommen", „Erster Schulgang", „Das neue Kleid", „Reise" usw. vertragen, ist Sache des persönlichen Geschmacks, desgleichen, wie weit man Stimmungen, deren Echtheit in der Einmaligkeit des Erlebens liegt, („Reue", „Eine Stunde Besinnung") festhalten kann, ohne zu banalisieren. Ja, die Grenze des Banalen wird auch in den Beiträgen, die an sich eine „feierliche Behandlung" vertragen würden, zuweüen nicht genug respektiert. Martha Wertheimer will ihr Buch als eine Antwort verstanden sehen, als Antwort auf unzählige ausgesprochene und unausgesprochene Fragen, die jüdische Frauen in dieser Notzeit bewegen. Die einzelne Frau, die zu ihr kommt, mag aus ihren Worten Hilfe schöpfen können, aber die Jüdin von heute und speziell die junge Jüdin greift, so glaube ich, in Stunden der Not nicht mehr nach Andachtsbüchern, die auf sie „zugeschnitten" sind; und um zur geistigjüdischen Welt Zugang zu gewinnen, sucht sie den Weg des Lernens. Es kann gefährlich sein, wenn man sie von diesem strengen und einsamen Wege durch „tröstliche Betrachtungen" ablenkt. Hannah Karminski In. dem Artikel „Über den Tod" (zu Franz Kafkas „Traum") von Werner Kraft ist S. 82 (Z. 11 u. 22) statt „geraumer" zweimal „genauer" zu lesen. 188

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