Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1935)
- Article
- Presseschau [Nachricht]
- Date
- 1935-07-01
- Page
- 184 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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licher Geschichtsphilosophie und Heilsgeschichte tarnen oder rechtfertigen und bis zum absoluten Gegensatz ,Hie Christus — hie Antichrist!' steigern. Im Rahmen dieser Grundvoraussetzungen kann es nun auch für den Christen aus der besonderen geschichtlichen Situation des Volkes, dem er angehört, eine Judenfrage als politische Frage geben. Die Teilnahme an ihrer Lösung fordert von ihm die Mitverantwortung für sein Volk und die volle Sicht und Berücksichtigung der konkreten Schwierigkeiten. Bloße religiöse und liberal-bürgerliche Toleranz werden der geschichtlichen Lage und ihren besonderen Anforderungen keinesfalls gerecht. Es ist nämlich nicht so, daß die Judenfrage in ihrer heutigen Aktualität nur auf die rassische Bewegung zurückzuführen ist, sondern es brechen darin auch die grundlegenden Fehler und falschen Lösungen der Vergangenheit, insbesondere die Fehler der liberalen Emanzipation und Assimilation nach Jahrhunderten der Ghettobehandlung, durch und verlangen in einer komplizierten Lagej nach einer gründlichen Lösung auf lange Sicht. Die Judenfrage ist heute in ihrem ganzen Ernst gestellt und duldet keine Kur aus dem Stegreif mehr. Aber auch als Frage der Volkspolitik darf sie für den Christen nicht ein Sonderdasein neben dem Religiösen führen, sondern muß in ihrer geschichtlichen Besonderheit hineingenommen werden in die heilsgeschichtliche Ausrichtung, die sich in der Wirklichkeit des Geschichtlich-Politischen überhaupt erst zu bewähren vermag. Aus der Einheit seiner religiösen und volkhaften Existenz also muß der Christ um die praktisch-politische Lösung jener Frage ringen. Damit ist jene landläufige dualistische Haltung unvereinbar, die den Wirkbereich christlichen Denkens und Tuns auf den Privatgebrauch und in den Kirchenraum einschränkt, die heilsgeschichtliche Sicht der Judenfrage von den natürlichen und geschichtlichen Gegebenheiten abhebt und diese, als christlich unlösbar und eben auf moralische Kompromisse abgestellt, den rein innerweltlichen Überlegungen und Maßnahmen der Politik ausliefert." Eine grundsätzliche Position dieser Art ist allerdings geeignet, das Problem weiterzuführen. Auf dieser Grundlage wäre heute ein Religionsgespräch zwischen Christentum und Judentum möglich, das die Judenfrage einer wahrscheinlich dauernden Lösung und Beruhigung entgegenführen könnte. Wilhelm Grau, Antisemitismus im späten Mittelalter. Das Ende der Regensburger Judengemeinde (1450 —1519). Mit einem Geleitwort von Prof. Karl Alexander von Müller. Verlag Duncker & Humblot, München 1934 Siebzig Jahre nach dem Erscheinen von Stobbes grundlegendem Werk über die Juden in Deutschland während des Mittelalters fand Prof. K. A. v. Müller in München, daß „für eine emsthafte Geschichte des Judentums in Deutschland noch fast alle Vorarbeiten fehlen". Wilhelm Grau, den er zu der vorliegenden Arbeit ermuntert hat, ist stolz darauf, mit einer „gutgestellten Frage" an den Stoff herangegangen zu sein. Sein Verhängnis war nur, daß er bereits vor der Frage die Antwort fertig hatte. Ein kleiner neckischer Zufall 184