Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1935-07-01 · Heft 4 (Juli 1935) · p. 183

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 4 (Juli 1935)
Article
Presseschau [Nachricht]
Date
1935-07-01
Page
183 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
correspondence
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2895450-2895539-2895544--08112-2905177
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Presseschau Im Juni-Heft des „Hochland" geht Professor Ernst M i c h e 1 im Rahmen eines Aufsatzes über „Die Überwindung des Liberalismus", der, in Fortsetzung eines bereits im Mai-Heft erschienenen Artikels, zu diesem Problem von streng christlichem Standpunkt aus Stellung nimmt, auch auf die Judenfrage ein. Er führt zunächst aus, eine besondere Auserwähltheit einer Rasse oder eines Volkes „auf Grund der besonderen Naturanlage oder der erworbenen geschichtlichen Macht- und Kulturstellung" gebe es nicht. „Nun gilt aber unter dem Wort der Schöpfung, daß neben dem Begriff der Rasse und des Volkstums auch der Begriff Menschheit gleichermaßen ernstzunehmen ist. Der Christ vermag im Lichte der Offenbarung den Anspruch nicht anzuerkennen, daß vor Gott dem Begriff „Volk" an sich eine höhere Würde zukomme, als dem Begriff „Menschheit" . . . Das Alte Testament hält . . . unerschütterlich daran fest, daß .Israels Auserwählung nicht einem natürlichen Volk als solchem gilt und nicht einen gesicherten Anspruch verleiht, sondern, der Struktur des Bundes gemäß, an den Gehorsam und die Hingabe des Volkes an Gottes Führerwillen, an den Verzicht auf völkische Autonomie geknüpft ist, daß überdies Israels Auftrag auf die ganze Völkerwelt, auf die Menschheit gerichtet ist, daß dieses Volk nur beispielhaft verwirklichen sollte, wozu alle berufen sind." Nach dieser allgemeinen Klärung des Verhältnisses von Volk und Menschheit aus christlicher Sicht schreibt der Verfasser, die Judenfrage habe für den Christen „ihren besonderen Sinn, der sie weit über das Rassenproblem hinaushebt. Sie ist ihm weder Rassenfrage in der heutigen Bedeutung, noch bloße Konfessionsfrage, zu der sie das liberale Zeitalter bagatellisiert hat. Judentum ist primär und wesentlich religiös geprägtes Volkstum — nicht, wie man es oft verkündet, rassisch bestimmtes Volkstum mit einer nachträglich erzeugten, rassisch und völkisch geprägten Religion. Der entscheidende und nachhaltige Akt seiner Volkwerdung ist t h e o p o 1 i - tisch, liegt im Sinai-Bund und seipflichtung ,für Weltzeit und Ewigkeit', und die ganze spätere Volksgeschichte . . . steht im Zeichen und unter der Wirkung religiöser . . . Entscheidungen positiver und negativer Art. Auf dieser Voraussetzung sieht der Christ die für seine Stellung zum Judentum maßgebliche Entscheidung in einem religiös-geschichtlichen Akt: in der Ablehnung Christi als des gekommenen Messias. . . Mag der Gegensatz zum Judentum von hier aus wie auch immer gefaßt werden, jedenfalls hat sich die zentrale geschichtliche Auseinandersetzung zwischen Christentum und Judentum ... auf der Ebene der Heilsgeschichte, im Ernste der messianischen Enderwartung zu vollziehen. Das gilt für den Christen auch als verantwortliches Glied seines Volkes. Der Christ darf nicht seine Kampfposition mit der aus rassischen Motiven gebildeten Front vermischen, insbesondere aber nicht einen aus anderen Quellen stammenden antijüdischen Affekt nachträglich und zusätzlich mit Argumenten Christ- 183

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.