Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1935)
- Article
- Prosperity und die Idee des Zionismus
- Date
- 1935-07-01
- Page
- 179 (sequence 2)
- Language
- German
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Prosperity und die Idee des Zionismus spanne einen außerordentlichen Gestaltwandel der Idee in politischer und ökonomischer, aber auch in geistiger Beziehung herbeigeführt. Neben einer auf der ganzen von Juden bewohnten Welt ziemlich gleichmäßig sich darstellenden Gruppierung trat in Palästina in den letzten Jahren ein Gestaltwandel der geistig-ökonomischen Grundlagen der Idee ein, der das Interesse auch der am Zionismus und an Palästina nur peripher interessierten Menschen für sich beanspruchen darf. Diese Form¬ und Inhaltsänderung der zionistischen Idee, merkwürdigerweise nicht einmal von den direkt daran Interessierten richtig zur Kenntnis genommen, ist ein lehrreiches Beispiel für die Strukturwandlung einer Siedlungsbewegung. Der ursprüngliche Zionismus ging von der Idee „Land dem landlosen Volk im Land seines historischen Moments" aus. Von vornherein war es eine selbstverständliche Sache, daß der Begriff Land im wahrsten Sinn des Wortes, im Sinn von Ackerland, zu werten sei und daß der jüdische Einwanderer, sich radikal umschichtend, weder Kaufmann noch Fabrikant und, wenn möglich, auch nicht städtischer Arbeiter, sondern Landarbeiter, Bauer werden sollte. Diese Idee war eine überaus romantische, ihre Träger waren Romantiker, die von rustikalem, primitivem, eng mit der Scholle und mit der Natur verbundenem Leben träumten. Eine solche Zielsetzung mußte im beginnenden Zeitalter der Reaktion auf den unromantisch nüchternen Lebensstil der Großstadt und des Kleinstadtghettos als notwendiger Anteil der Juden an der Reaktion auf diesen Lebensstil erscheinen. So gingen die Träger dieser Idee, in der Bibel, Rousseau und idealistischer Volkssozialismus sich in merkwürdigen Formen kreuzten, die Träger der Chaluziuth, des Pioniertums, nach Palästina und gründeten unter geradezu heroischen Opfern landwirtschaftliche Gruppen, die sich, ihrem romantischen Lebensprogramm im letzten Sinn des Wortes folgend, dem zuwandten, was man in der nicht allzu lang vergangenen „guten alten Zeit*' sich in erster Linie unter Bauerntum vorstellte, dem Anbau von Getreide: sie wurden. Körnerbauern. (Ihr Patriarch, der rührend-große Gordon, stand nicht nur Landauer, sondern auch Tolstoi und biblischen Vorstellungen nahe.) Dies in einer Zeit, da der Körnerbau in Europa bereits in ein kritisches Stadium getreten war. Diese moralisch begründete Entscheidung legte den Grund zu einer Begeisterung ohnegleichen in der in Europa zurückgebliebenen paläslinozentrischen Jugend, welche ihr Ideal, die Umschichtung ihres sozial ungesund gelagerten Volkes in eine gesunde Bauerngemeinschaft, auf dem besten Wege sah. Man, das heifit nicht nur die begeisterten Anhänger in Europa, deren wirtschaftliches Denken mit uneingestandenen messianisch-mystischen Elementen stark durchsetzt war, wie sie alle Romantik in sich schließt,- sondern auch die Pioniere und ihre im Land sitzenden Theoretiker hatten aber eines übersehen: man hatte vergessen, daß Palästina weder eine Insel der Seligen noch ein unzugängliches Land ist, man hatte vergessen, daß wir in einer Zeit leben, welche Entfernungen nicht mehr anerkennt, — in einer Zeit, welche nationale Wirtschaftskörper zu abhängigen Teilen eines Weltwirtschaftssystems macht, das keine Sentimenls kennt und mit den Lebensgrundlagen kleiner Produzentennationen nicht rechnen kann. Man hatte, halb unbewußt, jede staatenbildende Zielsetzung einer Gruppenerlösung hintangesetzt. Das australische Getreide machte aber die Getreidewirtschaft der Bauern unrentabel und stellte die Existenzmöglichkeit der Pionierwirt- 179