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Der Morgen · 1935-07-01 · Heft 4 (Juli 1935) · p. 172

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 4 (Juli 1935)
Article
Alt-Berliner Puppenspiele
Date
1935-07-01
Page
172 (sequence 2)
Language
German
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Erich Rott Berlinisch. Und so lange die Frau Direktor noch an der Kasse saß, donnerte Justav persönlich mang die Kulissen rum. Sein wenig jungfräulicher Baß störte die Phantasie der Zuschauer nicht im geringsten. „Puppenspiel nimmt hier unter den Tabagievergnügungen eine wichtige Stelle ein", schreibt ein Chronist jener Zeit, „denn die wandernden Marionettentheater sind vollauf beschäftigt und wandern von einer Tabagie in die andere. . . Die größeren Schau- und Trauerspiele sind den Direktoren nicht zu schwer, ja, ich glaube, sie führen selbst große Opern auf." Über diese Opernaufführungen findet man an anderer Stelle nichts. Vielleicht haben es die Puppenspieler gemacht wie später ihr Nachfahr, der selige Striese: „Mir fiehrn auch Obern auf; Lohengrin ham mir gegähm; die Musik, die hammr ähm weggelassen. . Im Sommer fanden die Vorstellungen in Gartenwirtschaften statt, während der kühleren Jahreszeit im Gropius'schen Guckkasten, in Fausts Wintergarten oder auch in Konditoreien. Köchinnen und Soldaten, Handwerksburschen, Studenten, Kutscher, Kinder folgten ihnen mit Begeisterung. Manchmal sahen sich die Zuschauer auch selbst auf der Marionettenbühne. So ist der in seiner Art typische Text eines Gesprächs zwischen Küchenfee und Soldaten noch erhalten: Sie (sehr zurückhaltend): Aujust, warum biste denn nich gekommen, du wolltest mich doch immer besuchen, um mich zum Sonntag abzuholen. Er (ängstlich und schüchtern): So, hab ick des gesagt? Sie (dreister): Aber Aujust, warum biste denn nich gekommen, es is doch nun sieben Jahre her — — — Er : Ja, weeste Karlineken, es war immer so schlechtet Werter die Zeit über. S i e (mit stärkerem Nachdruck): Nu sag mal, Aujust, du hast mir doch damals gesagt, daß du mir heiraten wolltest? Er (unsicher): So, hab ick das wirklich gesagt? Sie (fest): Janz gewiß, Aujust, das hast du sicher gesagt. Er (ganz frech): Na weißte, Karlineken, denn muß ick wohl dunnemals jrade sehr in'n Zug gestanden haben. . . Von den meisten der vor- und nachmärzlichen Berliner Puppenspiele dürfte es kaum ein Textbuch gegeben haben. Der Theaterdirektor hatte das Opus im Kopf, das genügte. Was trotzdem aufgezeichnet wurde, ging verloren. Nur einer hat gegen Ende des vorigen Jahrhunderts liebevoll gesammelt, was er noch erfassen konnte: Gotthilf Weisstein. Gotthilf Weisstein war lange Zeit Feuilletonredakteur an der „Berliner Nationalzeitung". Seine Lebensfreude, seine besondere 172

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