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Der Morgen · 1935-06-01 · Heft 3 (Juni 1935) · p. 144

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 3 (Juni 1935)
Article
Adolphe Crémieux [Rezension]
Date
1935-06-01
Page
144 (sequence 3)
Language
German
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französischen Judentum eine Lauheit, eine Indifferenz, die auch einen fremden Beobachter wie Heinrich Heine zu bitteren Bemerkungen veranlaßte. Über der erlangten Emanzipation schienen die französischen Juden das Gemeinsame zu vergessen, das sie mit den Juden in anderen Ländern verband. In der Zeitschrift „L'univers Israelite" findet man im Jahre 1840 eine bemerkenswerte Schilderung der geistigen Situation: „Verlassen ist der Tempel, verlassen der Glaube, der an die hebräische Sprache und die alten Symbole gebunden ist. Vergebens würde man ihn in den französisch sprechenden Familien suchen, die sich für den Sonntag, nicht für den Sabbat schmücken. Was man unter Freiheit der Bekenntnisse versteht, ist die Freiheit, an nichts zu glauben, die Kinder ohne Religion aufzuziehen, das Recht, überhaupt kein hebräisches Buch, auch kein französisches Buch über jüdische Geschichte und den jüdischen Glauben zu besitzen. Man kümmert sich kaum um die Konsistorialwahlen. Man hat keine Ahnung von dem, was bei den Glaubensgenossen in anderen Ländern vorgeht. Wer weiß, daß beispielsweise in London ein Oberrabbinat eingesetzt wurde, daß in Berlin Reformbestrebungen im Gange sind, daß in Frankfurt a.M. eine Rabbinertagung stattgefunden hat? Wer macht sich Sorgen oder bloß Gedanken über diese Dinge? Das Band, das heute noch die ganze Christenheit zusammenhält und das den französischen Juden einst befähigte, zu empfangen, was den afrikanischen oder chinesischen Juden bewegte, dieses magische Band, die Seele des Judentums, es ist zerrissen. Wir sind in eine moralische Isolierung geraten, die tausendmal schlimmer ist als das Ghetto in Rom und die Judenstadt in Prag." Es bedurfte der Rückschläge nach der Revolution von 1848, um unter den französischen Juden den Sinn für die Wirklichkeit wachzurufen. Im Jahre 1851 erschien in den Spalten des „Univers Israelite" das Projekt einer Organisation von Jules Carvallo, der mit einer Reihe gleichgesinnter Männer neun Jahre darauf — 1860 — die „Alliance Israelite" gründete. Cremieux nahm von Anfang an an den Arbeiten der Alliance teil und wurde seit 1863 ihr Präsident bis zu seinem Lebensende. Die dritte Leistung Cremieux' auf jüdischem Gebiet war sein Eintreten für die Juden in Algier. Als Justizminister (der Regierung der Nationalen Verteidigung von 1870) unterzeichnete er das Dekret über deren Naturalisierung und setzte sich für diese Maßnahme ein, die in der Nationalversammlung heftig angegriffen wurde. Den jüdischen Leser der Biographie werden in erster Reihe die Abschnitte interessieren, die die Verdienste Cremieux' um das Judentum schildern. Posen ers Buch ist ein solides, weitschichtiges Quellenwerk, in dem alles Wesentliche zusammengetragen ist, was uns den Mann Cremieux und seine Epoche vergegenwärtigt. Es ist aber auch ein Buch, das reich an Anregungen für unsere Zeit ist, das aufrichtend und ermutigend wirkt. Das Judentum braucht Kämpfer wie Cremieux. Posener gebührt Dank dafür, daß er diese Gestalt vor unseren Augen neu erstehen ließ. Mark Wischnitzer 144

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