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Der Morgen · 1935-06-01 · Heft 3 (Juni 1935) · p. 143

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 3 (Juni 1935)
Article
Adolphe Crémieux [Rezension]
Date
1935-06-01
Page
143 (sequence 2)
Language
German
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Lateiner haben noch einmal Gallien erobert". Cremieux stammte aus Nimes, das neben Montpellier und Lunel eine Stätte jüdischen Schaffens in der mittelalterlichen Provence war. Die provencalischen Juden unterschieden sich in jenen Zeitläuften deutlich von den zum Rabbinismus und zu mystischer Askese neigenden nordfranzösischen Juden durch die Aufgeschlossenheit für weltliches Wissen, durch eine heitere Lebensauffassung. Sie sind ein Produkt des sonnigen Südens, sie wachsen unter der alten klassischen Kultur auf, die sich in der Provence nie verleugnen ließ. In den Tagen der großen Revolution gaben die Juden in Nimes ihr Thorasilber her, für die Sache der Freiheit. Cremieux' Vater, David, kaum Bürger geworden, widmet sich mit Eifer dem politischen Leben, wird Girondist, nachher Jakobiner. Der Sohn wird im kaiserlichen Lyceum in Paris erzogen und besucht die Universität in Aix, wohin ihn die Eltern gern schicken, denn er macht aus seinen Sympathien für Bonaparte in der Zeit des weißen Terrors, da die freiheitlichen Elemente in Nimes bedroht sind, keinen Hehl. Nach Beendigung der Universität läßt sich Cremieux mit 21 Jahren als Anwalt in seiner Vaterstadt nieder. Als Mitglied der Anwaltskammer hat er den Eid zu leisten. Der Präsident der ersten Kammer des Gerichtshofes stellt ihm die Frage: „Herr Cremieux, werden Sie den Eid more judaico ablegen?", worauf Cremieux, wie er in späteren Jahren zu erzählen pflegte, ausrief: „Bin ich etwa in einer Synagoge? Nein, ich bin im Gerichtssaal. Bin ich in Jerusalem, in Palästina? Nein, ich bin in Nimes, in Frankreich. Bin ich nur Jude? Nein, ich bin zu gleicher Zeit französischer Bürger. Infolgedessen leiste ich den Eid als Jude, der französischer Bürger ist!" Einige Jahre darauf wird Cremieux zum Vorkämpfer zur Abschaffung dieses Überbleibsels mittelalterlicher Vorurteile. Cremieux' Name wurde in der französischen Judenheit bekannt. Als er nach Paris übersiedelte, wurde er in das Zentralkonsistorium gewählt, wo er bald eine führende Stellung einnahm. Als die Nachricht von der Damaskus-Affaire 1840 in Paris eintraf, richteten sich alle Augen auf Cremieux, den berufenen Kämpfer für die jüdische Sache. Er stellte sich zur Verfügung. Er führte den Kampf mit einer Hingabe durch, die ihn neben dem großen englischen Anwalt für jüdische Rechte, Sir Moses Montefiore, zur führenden jüdischen Persönlichkeit machte. Sein Name wurde ein Begriff in allen Ländern, wo Juden lebten, von Rußland bis Surinam in Südamerika. Auf seiner Rückreise von Ägypten, wo er mit Montefiore bei dem Vizekönig Mehemet-Ali zu Gunsten der Damaszener Juden intervenierte, war Cremieux Gegenstand begeisterter Ovationen in allen jüdischen Gemeinden, die er passierte. In Paris war der Empfang kühL Die Führer des französischen Judentums waren ängstlich. Sie befürchteten, daß ein feierlicher Empfang Cremieux' angesichts der unglücklichen Rolle, die Frankreich in der Affäre gespielt hatte, die öffentliche Meinung schokieren könnte. Der Bericht von Cremieux im Zentralkonsistorium wurde nicht veröffentlicht. Es herrschte damals im 143

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