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Der Morgen · 1935-06-01 · Heft 3 (Juni 1935) · p. 134

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 3 (Juni 1935)
Article
Das hebräische Theater
Date
1935-06-01
Page
134 (sequence 3)
Language
German
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Erich Gottgetreu: Das hebräische Theater Es liegt im Wesen der jüdischen Sache, daß diese Sammlung sehr bald ihr zweites und höheres Gesicht bekommt. Denn jüdisches Theater wird niemals nur dem menschlichen Spieltrieb entborenes Theater sein. Dazu ist der Jude zu sehr Moralist. Sein Theater — auch wenn es betont antiorthodox und sozialistisch sein sollte — wird sich stets der großen sittlichen Forderungen des alten, ewigjungen Gesetzes bewußt sein und alles, was in der Welt, die es darstellt, geschieht, an ihrer Wahrheit messen. Diese Aufgabe aber, das Leben abzustenographieren und durch bestimmte ethische Forderungen sittlich zu erhöhen, muß das Theater selbst lösen. Diese Aufgabe verlangt eine Sammelarbeit, an die die Kleinkunstbühne „Matatei" schon herangegangen ist, obschon sie dabei bewußt im Amüsant-Kabarettistischen steckenblieb. Immerhin ist „Matatei" auf dem rechten — Nebenweg. Die Schauspieler des kommenden moralischen Theaters werden da sein — das läßt sich trotz der Unzulänglichkeit der gegenwärtigen dramatischen Situation erkennen. Wenn nicht jede „Habima"-Auf'führung und wenn nicht jede „Ohel' '-Produktion vollendet ist, so liegt das nicht zuletzt daran, daß dem Lande ein überragender Regisseur fehlt. Idealismus beweisen die hebräischen Schauspieler genug. Das „Habima''-Kollektiv kennt weder Stars noch Stargagen; man spielt auf Teilung. Seit Jahren bekommen die Mitglieder kaum mehr als monatlich acht Pfund, also ungefähr das palästinensische Lebensminimum ausgezahlt. Die Künstler des „Ohel" spielen überhaupt umsonst, bekommen aber vom Kollektiv nach den gewerkschaftlichen Tarifsätzen diejenige Tätigkeit bezahlt, die sie im Zusammenhang mit dem Theater als zweiten Beruf ausüben: der eine malt Dekorationen, der zweite ist Kassierer, der dritte Zettelankleber, der vierte Inspizient usw. 1927 waren sie noch Amateure, hatten, offiziell wenigstens, außerhalb des Theaters noch einen Brotberuf, wenn auch praktisch infolge der damals das Land verheerenden Wirtschaftskrise keine Arbeit. Wie damals läßt sie auch heute der Theaterwille durchhalten, trotz allen Schwierigkeiten. Der Theaterwille hat seine Kraftquelle nicht zuletzt in der Bühnenlust des Publikums: es gibt wohl kaum ein theaterfreudigeres unter der Sonne, auch nicht unter der südlichen. Der palästinensische Jude, der sich ein Stück, das ihm gefällt, nicht zwei und dreimal ansieht, sondern fünfzehn, zwanzig und fünfundzwanzigmal, immer wieder, wie ein Bild — er ist für wirklich große Leistung von tiefem Verständnis, von rührender Dankbarkeit. Kein Wunder, daß auf solchem Stimmungsboden immer neue Theaterpläne wachsen. So will der junge Regisseur Fraenkel, früher am Kamburger Theater, Palästina mit einer regelmäßigen Oper beschenken. Dem neu geplanten „Tel-Aviver Landestheater" steht allerdings vorläufig nur der Boden zur Verfügung und die Pläne des Architekten Professor Oskar Kaufmann, der in Berlin die Volksbühne, die Kroll-Oper, den Sportpalast und das Stadion schuf. Vorgesehen sind eine Dreh-, Seiten-, Wagen- und Hinterbühne zugleich. Es wird eine Pracht werden — für das Publikum, das zum erstenmal in Palästina auf gepolsterten Bänken sitzen wird, und für die Schauspieler, von denen die ältesten in ihrer Moskauer Zeit in heimlichen Höfen und Kellern und unter ständiger Gefahr, nach Sibirien verbannt zu werden, das vom Staat verpönte und verfolgte Hebräisch zelebriert haben. 134

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