Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1935)
- Article
- Die Rowina
- Date
- 1935-06-01
- Page
- 132 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Erich Gottgetreu In „Keter Dawid" (Calderon): keusche Linie des jungfräulichen Stolzes, das weiße Gesicht zwischen kupfernen Zöpfen gebändigt, die langen Hände an der Harfe, gotisch übersteigert, mit einer Stimme aus einer anderen Welt. Dieselbe Rowina — umflammt von ihren roten Locken, lockend, verderblich, unheilig, hinreißend, Tänzerin aller Leidenschaften, deren Bewegungen so selbstverständlich fließen, daß man erst Tage später weiß, wie groß ihre Kunst hier das Selbst-Verständliche schuf. Dann geht sie im „Golem" (Leiwik) in den Knäuel der Elenden und und Verfolgten hinein, die im verfallenen Turm vor der Blutlüge zittern, und steht in ihrem schluchzenden Lied, vergeistigte Hoheit des erflehten Messias, ewig erwartet und ewig verkannt. Da wehrt sie sich als „Mutter des Messias" gegen das kommende Leid und trägt Haß und Entsetzen vor sich her, die ihr selber am wehsten tun. Aber keiner vergißt sie im weißen Brautkleid mit den schwarzen Zöpfen, die gefangene Dybuk-Seele, die ringende und gebietende, die wider den magischen Kreis des Gebotenen und Gesollten die hohe Sehnsucht ihrer verlangenden Liebe in das Unbekannte hinauswirft und das Menschliche endlich durchbricht — wir nennen's Tod. Es sei uns nicht Vermessenheit, daß ein Erschütterter in der Erscheinung dieser Frau ein Himmlisches zu spüren meinte. Jüdischen Herzen sagt der Name nichts anderes als dies: eine Kraft wurde gegeben, eine Kraft strahlt aus, Botschaft an die Zweifelnden, Irrenden, Zerrissenen, an die Weinenden, die Trostsuchenden und die stolz Bestätigten. Solche Kraft wird als Verpflichtung zum höchsten Dienst gegeben. Die Rowina dient. Erich Gottgetreu: Das hebräische Theater Das hebräische Theater Palästinas ist seit langem mein* als die „Habima", die jeder im Ausland kennt, aber noch immer ist die ,,Habima" die repräsentativste hebräische Bühne. Sie spielt in der Tel-Aviver Mograbi Hall, im Kellergeschoß eines großen Kinos. Jede Vorstellung ist eine Explosion an Kunstkraft. Seelisches und körperliches Temperament bildet hier im besten Sinne des Wortes ein Ensemble, eine Gemeinschaft. Wie erschüttert Anskis „Dybuk"! Wie packt „Der Golem"! Wie schreit ein Volk, wenn hier einer schreit! Wie vermengt sich hier Leben und Bühne! Dies ist mehr als Wirklichkeit und Dichtung. Dies ist verdichtete Wirklichkeit. Mit der Aufführung eines älteren Stückes „Er und seine Söhne" des russisch-jüdischen Dichters I. D. Berkowitz, das im Rahmen einer russischen Pogromerzählung die Tragödie der dem Judentum Entfremdeten behandelt, wurde ein Thema zur Diskussion gestellt, das einen Teil der erst durch die jüngsten politischen Ereignisse dem Judentum zurückge- 132