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Der Morgen · 1935-06-01 · Heft 3 (Juni 1935) · p. 131

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 3 (Juni 1935)
Article
Die Rowina
Date
1935-06-01
Page
131 (sequence 1)
Language
German
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Martha Wertheimer: Die Rowina Die erste Begegnung zwischen den jüdischen Menschen in Deutschland und der theatralischen Sendung der „Habima" liegt jetzt über acht Jahre zurück. Sie ist unvergessen. Zu der Begegnung^ mit dem He-» bräischen als lebendiger, kunsttragender Sprache kam die Erkenntnis von der unsterblichen Kraft des jüdischen Geistes, kam die Überzeugung von seinem sieghaften Optimismus und der Unüberwindlichkeit jeder Idee unter uns, solange sie sich nicht von den nährenden Wurzeln unserer Tradition und Bestimmung gelöst hat. Es sind acht Jahre — und heute noch bedeutet diese Begegnung Erneuerung von Kräften und von Hoffnung. Ein glühender Wille hat zwanzig Persönlichkeiten zusammengeschmolzen, zurück ins Urelement der Verwirklichung: Sinnlichmachen des Sinns hinter den Dingen. In der Leibesblüte, in der starren Maske, in der unerhörtesten Tänzerschaft aller Glieder, in den sagenden und singenden Stimmen, in der Renaissance des pamosbedingenden, dröhnenden, gesanglichen Iwrith, in der Vergewaltigung der Form, die kein Selbstzweck ist, nur Knecht und Werkzeug — immer ist darin diese Leidenschaft, mit der jeder einzelne dieser Schauspieler sich darbringt. Was sie auch spielen, sie spielen die Geschichte des jüdischen Menschen. Es ist Israels Kampf mit Gott, der ihm alles ist: das Gute und das vermeintlich Böse, je nachdem, wer ihn sieht, wer etwas tut. Die hebräische Sprache aber liegt für unser schwankendes Verständnis als ein schwerer, wunderbarer Schleier über den Handlungen, — als ein tönender Schleier. Denn die sie sprechen, sind fromme Diener einer inbrünstig dargebrachten Idee. Das ist das Wunderbarste: die „Habima" hat keine Stars und keine Chargen. Namen, die gestern Herrlichkeit und Heldentum trugen, tragen heute eine Bagatellrolle (wenn es so etwas in dienender Kunst überhaupt gibt). Dennoch sagen alle, die jemals die „Habima" sahen, hinter dem Namen der Gemeinschaft her: die Rowina. Denn was von der Kunst der „Habima" gesagt werden darf, ist in der Rowina gleichsam verdichtet. Wer ist die Rowina? Diese Frage geht niemals in die Vergangenheit. Das russische Mädchen aus irgend einem bürgerlichen Beruf ist längst nicht mehr. Die blühende Mutter schöner Kinder ist uns fern. Aber mitten unter uns ist die Künstlerin lebendig, die der natürliche Gipfel der „Habima" ist und der individuelle Ausdruck eines Stils. Wir wissen von der Stimme der Rowina, dieser dunkelhellen, liedhaften Stimme, in der das Schluchzen aus den Schmerzensgründen Israels steigt, in der der Jubel der Cherubim aufschmettert, — und ihr Liebesflüstern ist wie Morgenwind, bevor die Sonne da ist. Wir wissen von der hohen Schlankheit ihres Leibes und der Sprache ihrer langen Hände, die unwirklich sind, kaum noch Schleier eines Körperlichen über der Unmittelbarkeit des Geistes. Wir wissen von den heißen Augen, die blicklos weit unter der adeligen Stirne flammen — Wir sahen das alles, hörten sie-- 131

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