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Der Morgen · 1935-06-01 · Heft 3 (Juni 1935) · p. 118

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 3 (Juni 1935)
Article
Der Ruf
Date
1935-06-01
Page
118 (sequence 2)
Language
German
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Jakob Picard: Der Ruf wesen, so daß er schließlich leicht und wie ein Gottgeweihter hinüberschlafen konnte .... An einem grauen Wintertag ohne das milde Licht des Schnees — der Boden war hart gefroren — sollte er einen Stapel Holz, das für den Ofen der Synagoge im Hof der Schul geschnitten lag, wo die Taxushecke den Vorgarten abschloß, in den dafür bereiten Raum des Gebäudes tragen. Sehr wichtig nahm der Alte diese Arbeit; er ging geschäftig hin und her, auf den Armen immer einige, aber nicht zu viel, der langen Scheite vor der Brust tragend. So hatte er es schon mehrere Stunden getan, als oben, wo der Weg sich den Berg hinan aus dem Städtchen zwischen den giebeligen alten Häusern zieht, zwei Buben gingen, ohne daß er es bemerkte, wie sie so zu strolchen pflegen, wenn die Schulstunden aus sind. Es waren jüdische Jungen. Die sahen das Männlein da unten, und wie sie es sonst auch schon getan hatten, rief einer von oben dessen Namen: „Menkele"; einmal rief es so. Kaum hörte das Greislein jedoch hin, kaum hob es den Kopf. Es wußte, um nicht zu frieren in der Kälte und in seinen armseligen Kleidern, durfte nicht eingehalten werden bei dieser schweren Arbeit. Aber nach einer Weile, schon etwas ferner, und er konnte die Buben nicht sehen, da sie für ihn durch ein Haus verdeckt waren, rief es wieder: „Menkele, Menkele!" Da blieb er eine Weile stehen, halb aufrecht nur, weil er einen Stoß der Scheite eben auf den Armen hatte, blieb ziemlich lange stehen und schaute und horchte; aber nichts war zunächst weiter zu hören. So lud er auch diese Last wieder im Räume ab und kehrte in den Hof zurück zum Holzstoß. Und wie er da nun doch sinnend eine Zeit stand, ertönte wieder die Stimme, ganz ferne jetzt und hoch und hell kam sie her, durchfuhr ihn wie ein Licht: „Menkele, Menkele, wo bist du?" Da fiel jäh die Erkenntnis in ihn, er drehte sich und lief und lief mit seinen alten Beinen ins Gotteshaus, hinauf zumAlmemor, stellte sich vor die Lade verzückten Hauptes und rief mit lauter und doch zitternder Stimme: „Hineini! Hier bin ich, Herr, hier bin ich!" Und warf sich nieder zum heiligsten Gebet. Und lag so, lange, die Stirne am Boden im Staub. Und wußte, daß ER mit ihm sprach als einem Erwählten. .. Als das kleine Männchen wieder hinaustrat unter den Winterhimmel, in seinem allzu weiten Rock, den ihm einer geschenkt hatte, war es verwandelt; ihm war leicht wie nie zuvor im Leben. So hat Gott den alten, viel gebeugten Menkele Weil, den scheinbar elendesten Menschen der Gemeinde, für den Rest seiner Tage doch noch zum glücklichsten gemacht, so daß er herumgehen konnte unter den Leuten mit dem großen seligen Geheimnis in sich, er sei auserwählt unter allen und vor allen durch IHN da oben für die ewige Zeit. 118

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