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Der Morgen · 1935-06-01 · Heft 3 (Juni 1935) · p. 117

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 3 (Juni 1935)
Article
Der Ruf
Date
1935-06-01
Page
117 (sequence 1)
Language
German
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Jakob Picard: DER RUF Eine Anekdote Der Verfasser bemerkt: „Diese kleine Erzählung hat selbst eine Geschichte: sie ist vor mehr als zehn Jahren schon einmal geschrieben worden. Jenes Manuskript aber ging mir verloren: und so habe ich das Motiv, das mir meine liebe Mutter einst aus ihrer Heimat erzählt hat, jetzt noch einmal gestaltet. Das wäre gewiß für andere bedeutungslos, wenn nicht damals jenes erste Manuskript Franz Rosenzweig bekanntgegeben worden wäre, der das Motiv für wertvoll genug hielt, es in der Anmerkung zu seiner Nachdichtung von Jehuda Halevys Gedicht: „Hier bin ich" zu erwähnen. Ein einfaches und leicht zu tragendes Leben war es natürlich nicht, wie der alte Menkele Weil es nun schon seit Jahren zu fuhren hatte in dem kleinen Städtchen des südlichen Schwarzwaldes. Die Gemeinde mußte ihn unterhalten, und was das heißen soll, wißt Ihr. Kosttäge in den Familien herum und eine Dachkammer beim krummen Schmul. Einstens, ja, da war er nicht unbemittelt gewesen und hatte eine Stimme gehabt unter den Leuten. Aber wie das so kommt: ohne daß er es verschuldet hat, fällt manchmal das Schicksal über einen her von allen Seiten, und schon ist es geschehen; wenn er sich nicht selbst fängt im Fallen, dann ist kein Halten mehr. Und schließlich sind ihm auch noch alle die weggestorben, die um ihn gewesen waren aus Familie und Jugendzeit. Niemand wußte mehr etwas mit ihm anzufangen. Freilich, man konnte nichts gegen ihn sagen, er hatte sich nie etwas Ungerades zu schulden kommen lassen; und so nahm sich die Gemeinde seiner an, nicht einmal mit Unwillen, das muß betont werden. Es war auch gut für alle, wenn die Kehilla als solche eine Mizwah tat, nicht wahr? Und überdies konnte man ihn immerhin noch für die und jene kleine Arbeit und Verrichtung gebrauchen. Und was ihn selbst anlangt, so war er nicht einmal sehr bedrückt, wenn auch der Kopf und das Gedächtnis nicht mehr recht wollten; auch sah es ein wenig kindisch aus, wenn er manchmal so vor sich hinlächelte und gar mit sich selbst murmelte. Aber er fühlte sich dabei als vollwertiges Mitglied der Gemeinde; nahm man ihn denn nicht als Minjanmann, galt er nicht vor Gott und in der Schul soviel wie jeder andere! Und hielt man ihn nicht noch für geeignet, Arbeiten für den und jenen und vor allem für die Kehilla zu tun? Aber man mußte schon mit dem kleinen Männchen Mitleid haben, wenn man es so hingehen sah in seinem kargen gelblichweißen Bart ums faltige Gesicht, ein wenig gebeugt und schleppenden Schrittes. Manchmal freilich hielten ihn die Jungen zum Narren. Das trug er als selbstverständlich und nahm es nicht schwer. Aber eines Tages, wie um ihn für alles zu entschädigen und zu zeigen, daß er auch für ihn noch da sei, ließ Gott etwas geschehen, das ihn für alle Zukunft, für die wenigen Jahre, die er noch unter den anderen leben durfte, über alle hinhob und ihn weihte, ja in ihm den Gedanken weckte, all das, was ihm früher beschieden worden sei an Schwere und Leid, sei darum nur ge- 117

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