Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1935)
- Article
- Lösung und Lösungen
- Date
- 1935-06-01
- Page
- 100 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Lösung und Lösungen beschränkt. Die Alliance Israelite Universelle z. B., die, 1860 in Paris begründet, als ein Weltverband zur kulturellen Hebung des Niveaus der jüdischen Bevölkerungsmassen und zur Verteidigung ihrer damals vielerorts ungesicherten staatsbürgerlichen Stellung gedacht war, ist als Weltverband auseinandergebrochen und in einzelne Landesverbände aufgelöst worden, weil die deutschen Juden es nicht dulden wollten, daß in den von der Alliance eingerichteten Schulen Französisch als Lehrsprache eingeführt und damit eine sehr wirksame französische Kulturpropaganda z. B. im Orient eingeleitet wurde. So beginnt auch heute eine umgekehrte Bewegung bei der Abwendung von der deutschen Sprache und greift ebenso in alle anderen Bereiche über: der wirtschaftliche, wo sie am sichtbarsten wird, ist nur ein kleiner Teil gegenüber dem Einfluß des Kulturellen. Die deutschen Juden sind auf all diese Dinge selbst völlig ohne Einfluß, aber die Lösung der deutschen Judenfrage und die Art dieser Lösung — ob nämlich die deutschen Juden selbst dabei nur als Objekt der Gesetzgebung auftreten oder nicht — spielt dafür eine erhebliche Rolle. Wie die Reichsregierung ausdrücklich verkündet hat, daß der deutschen Rassenauffassung die Minderbewertung anderer Rassen fern liege, so lassen sich, nachdem die reinliche Scheidung, die man Dissimilation nennt, im wesentlichen durchgeführt ist, sehr wohl Formen der Lösung denken, mit denen sich die deutschen Juden in Ehren abfinden könnten, ohne daß diese Formen deshalb mit nationalsozialistischen Grundsätzen im Widerspruch stehen müßten. Das ist die objektive, die deutsche Seite der Frage. Für uns deutsche Juden allerdings ist sie keine Frage des politischen Kalküls; zuviel erinnerungsschwere Untertöne schwingen mit, zu nahe liegt uns diese Frage am Herzen. Aber wir werden in Ruhe und Würde die weitere Entwicklung abwarten müssen. H. B. 100