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Der Morgen · 1935-05-01 · Heft 2 (Mai 1935) · p. 96

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 2 (Mai 1935)
Article
[Rezension]
Date
1935-05-01
Page
96 (sequence 2)
Language
German
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wähnt zu werden, nämlich das „Verzeichnis sämtlicher naturalisierter Israeliten im Großherzogtum Posen, Bromberg 1836, bei Isidor Hirschberg" und Louis Lewins Abhandlung in „Jahrbuch der jüdisch-Uterarischen Gesellschaft", Frankfurt a.M. 1906, Bd. IV, über die Einwanderungen aus Deutschland in die polnischen Ghetti. Auf der andern Seite hat Kessler selbst einige methodisch neuartige und aufschlußreiche Untersuchungen durchgeführt, nämlich eine Durchsicht des Berliner Telefonbuchs und Auszählung der Vornamen der Namensträger Cohn sowie die unseres Wissens erstmalige systematische Zusammenstellung von Künstlerpseudonymen und deutsch klingenden Eintauschnamen jüdischer oder ursprünglich jüdischer Träger (Dessoir, Gundolf, Merton, Reinhardt, Solmssen, Wrtting, um nur einige der bekanntesten zu nennen). Kessler bespricht der Reihe nach zunächst kurz die mittelalterlichen Rufnamen der deutschen Juden und sodann ausführlich die jüdischen Familiennamen, wie sie seit der Emanzipations - Gesetzgebung behördlich fixiert worden sind. Er teilt dabei die Namen in folgende Gruppen ein: 1. Herkunftsnamen (deutsche Orts¬ und jüdische Stammesnamen, Hausnamen, die besonders von Frankfurt a. M. her bekannt sind, und Nachbarschaftsnamen); 2. Väternamen (Israel, Jacobsohn usw.); 3. Berufs-, Eigenschafts-, Spitz- und Necknamen; 4. Willkürnamen (solche, die bei vereinzelten Nobilitierungen verliehen wurden, und solche, die behördlicherseits festgesetzt wurden). Ein letztes Kapitel spricht über die Prinzipien des Namenwechsels. Manche Urteile sind gewiß „ex post" gefällt. Beispielsweise meint er gelegentlich der schon erwähnten Auszählung der Rufnamen von Namensträgern Cohn, daß wahrscheinlich viel Irrtum, Traum und Dünkel, viel Enttäuschung und Leid vermieden worden wäre, wenn es auch unter den Juden des Großbürgertums und der Bildungsschicht mehr Baruch, Leiser und andere, und weniger Alfred, Kurt, Arthur und Siegfried gegeben hätte. An anderm Orte berichtigt sich Kessler — mit der das ganze Buch auszeichnenden vorbildlichen Objektivität — jedoch selbst, indem er zugibt, daß viele Juden bei der Veränderung ihrer Namen wohl weniger die eigene Volksüberlieferung verleugnen als dem Assimilierungs willen des Staates sich loyal unterwerfen wollten. Nicht unbedingt einig gehen muß man mit Kessler in der Verwerfung von Abkürzungen durch Zusammenziehung von Initialen. Diese Übung ist im Judentum zumindest seit dem Mittelalter durch jahrhundertelange Tradition gebilligt, wie die berühmtesten Beispiele „Raschi" und „Rambam" bezeugen. Im ganzen liefern die Ergebnisse und die wissenschaftliche Arbeitsweise von Kesslers Untersuchung den besten Beweis, wie kulturgeschichtlich fruchtbar die Beschäftigung mit den eigenen Vorfahren sein kann. „In jedem altererbten Namen", schließt er, „steckt reiche Geschichte: Familiengeschichte, Volksgeschichte, Sprachgeschichte ... Den Juden ... möge die Erfurcht vor seinen Vätern davon zurückhalten, seinen Namen zu beklagen, zu mißachten oder gar leichtfertig wegzuwerfen." Hanns Reissner 96

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