Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1935)
- Article
- Zu J. L. Perez' 20. Todestag
- Date
- 1935-05-01
- Page
- 93 (sequence 2)
- Language
- German
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Weiss enberg und viele andere auf. Mit nicht weniger Eifer widmete er sich literarischen und kulturellen Institutionen. Er trat in jüdischen Versammlungen auf, in denen er die Tatlosigkeit und den Rückschritt geißelte und zur aktiven Anteilnahme am jüdischen Leben aufrief. Sein Auditorium war die geistig hungrige Jugend, die, von seinen Reden begeistert, seine Worte noch im Laufe auffing, um sie in die Tat umzusetzen. Perez starb am Schreibtisch, auf dem Schöpferposten des Dichters, mit einem Lächeln um den Mund. Seine Werke haben von ihrer Lebenskraft seither nichts eingebüßt. Israel Bergmann Vom Umgang mit Bächern Aus einem belanglosen kleinen Roman taucht immer wieder eine kleine Szene in meinem Gedächtnis auf, und diese Wiederkehr scheint mir ein Beweis für ihre Richtigkeit zu sein: da besucht ein junger Mann sein junges Mädchen und wendet sich, kaum daß er sich behutsam in ihrem Reiche umgeschaut hat, zögernd und fragend dem Bücherbrett zu, — ein Blick auf diese Freunde und Begleiter müsse dem Betrachter Wesentliches über diesen Menschen enthüllen. Er hat recht, der junge Mann; denn auch „Bücher sehen Dich an". Sie schauen uns an, ehe sie zu uns sprechen, jedes mit seinem besonderen Gesicht. Umschlag, Format, Farbe und Druck eines Bandes sind genau solche Vermittler des Inhalts wie Aussehen, Kleidung, Schritt und Stimme bei dem Menschen. Und die erste Seite, deren gehemmte Ablösbarkeit von der nächsten die Erstmaligkeit der Begegnung deutlich macht, diese erste Seite kann — besonders, wenn persönliche Bedeutung uns das Buch öffnen läßt — so viel Erwartung und Spannung, so viel erregende kleine Fanfaren aussenden wie eine gute Ouvertüre oder ein verheißender Frühlingstag, dessen Bläue den ganzen Sommer „anzuzeigen*' vermag. Es gibt so etwas wie die Kultur der ersten Seite. Die märchenhafte, verschlungene Buntheit einer mittelalterlichen Initiale und die schwarz-weiße Sparsamkeit eines modernen Holzschnittornaments sprechen ebenso davon wie der musikalische Stufenbau der energiegeladenen Anfangssätze Kleistscher Novellen. Bücher leben auf vielerlei Weise. Ihre Menschen und Tiere, Häuser und Gärten leben mit uns, wie sie vorher — wenn auch anders — in engster Gemeinschaft mit dem gelebt haben, der sie uns nun in seiner Sprache zuführt. Aber sie leben auch mit und in ihrer Nachbarschaft, deren sie bedürfen wie die Plastik eines Sockels. Manche wollen gerad und aufrecht stehen in „Tuchfühlung" mit dem nächsten Glied der verschiedenartigen Reihe, manche wollen sich nur lose anlehnen, andere wollen auf der Breitseite liegen, noch andere wollen einfach zur Stelle sein, einmal hier, einmal da zur Hand genommen, durchblättert werden; ihre Ränder rufen nach Antworten, nach einem Ausruf- oder Fragezeichen, einem „hach" oder „wie-sodas" oder nach einer zarten Wellenlinie .. Fast alle Bücher aber wollen wandern, reisen, erprobt werden, und das will sagen: verliehen sein. Es gibt nichts Trostloseres als einen jener 93