Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1935-05-01 · Heft 2 (Mai 1935) · p. 92

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 2 (Mai 1935)
Article
Zu J. L. Perez' 20. Todestag
Date
1935-05-01
Page
92 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895539-2895542-2904941--07982-2905008
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Zu J. L. Perez' 20. Todestag Die jüdische Welt, besonders die osteuropäische und amerikanische, hat den zwanzigsten Todestag des großen jüdischen Volksdichters Perez am 13. April 1935 feierlich begangen. Das jüdische wissenschaftliche Institut in Wilna hat ein „Perez-Museum" geschaffen, in dem alle Werke, Manuskripte und Materialien, die mit dem Wirken des hervorragenden Schriftstellers verbunden sind, ausgestellt werden und bringt unter dem Namen „Perez-Buch" ein Sammelwerk heraus, das eine Reihe Artikel von bekannten jüdischen Schriftstellern enthält. Der Dichter Perez ist am 18. Mai 1852 in dem polnischen Städtchen Zamose geboren. Er entstammte einer orthodoxen Familie, in der er außer der talmudischen auch eine weltliche Schulbildung genoß. Schon in der Schule zeigte er sich als Wunderkind und erlangte bald den Ruf, ein „Jluj", d.h. Genie zu sein. Im 13. Lebensjahr begann er die rabbinische Philosophie und Mystik zu studieren; besonders fesselten ihn die Werke des Maimonides. Ein glücklicher Zufall öffnete ihm den Zutritt zu einer reichen Privat-Bibliothek, in der der künftige Dichter mit jugendlichem Eifer die moderne hebräische und die Weltliteratur studierte, so daß der Einfluß Heines, Börnes, Hugos, Hartmanns sein künftiges Schaffen liereicherte. Gleich Heine, dem Sproß des westlichen, war Perez der erste romantische Dichter des östlichen Ghettos. Perez trat 1876 auf die literarische Arena mit einigen hebräischen Gedichten, die ihn bald populär machten. Erst nach einer Pause von zehn Jahren kam eine zweite Reihe hebräischer Skizzen und Gedichte heraus, sowie sein erstes jiddisches Gedicht „Monisch" und die Novelle „Venus und Sulamith". Dann erst folgten die realistischen Erzählungen aus dem sozialen Leben des jüdischen Menschen, die seinen Namen bekannt gemacht haben. Diese Prosawerke sind ein Novum der jüdischen Literatur, Perez selbst ist der erste europäische Dichter in jiddischer Sprache. Niemand glaubte bis dahin, daß man im „Jargon" eine so subtile und treffende Charakteristik jüdischer Typen und jüdischen Lebens, so schön in der Form und so fesselnd im Inhalt zum Ausdruck bringen könne. Die Europäisierung der jiddischen Literatur war sein Verdienst. In Perez' Meisternovellen „Die Zeit" sowie „Adam und Eva" hören wir zum erstenmal den flüssigen lebendigen Volksdialog, der mit seiner Originalität begeistert, in seiner Einfachheit ein seltsames jüdisches Dasein illustriert. Niemand konnte aus diesem Schatz so tief schöpfen und den Glanz dieser Kleinode erstrahlen lassen. Seine mystischsymbolischen Dramen wie „Die goldene Kette" und „Bei Nacht auf dem alten Markt" gehören zu den besten Schöpfungen der jiddisch-dramatischen Literatur. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts übersiedelte Perez nach Warschau, wo er als Beamter der jüdischen Gemeinde bis zum Ende seines Lebens tätig war. Sein Haus war der Mittelpunkt der geistigen Jugend, er besaß die Kraft, die junge Dichtergeneration an sich zu fesseln. Unter seiner Obhut wuchsen Männer wie Asch, Pinski, Reisin, Schneur, Nomberg, 92

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.