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Der Morgen · 1935-05-01 · Heft 2 (Mai 1935) · p. 86

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 2 (Mai 1935)
Article
Drei Zeitungsanzeigen
Date
1935-05-01
Page
86 (sequence 1)
Language
German
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Drei Zeitungsanzeigen „Wo man singt, da laß dich ruhig nieder." Damit rechnen wohl die vielen amerikanischen Synagogenverein«, die in New Yorker jüdischen Zeitungen große Anzeigen loslassen des Inhalts, daß der bekannte und berühmte Kantor Sowieso dann und dann in der Synagoge X beten wird. Damit die Sache zugkräftiger wird, ist der Anzeige zugleich das Bild des Wunderkantors beigefügt: schließlich will ja niemand sein Geld für eine unbekannte Person ausgeben. Man kauft so wenig die Katze im Sack wie die Billets für den Gottesdienst, die beim Kastellan im Vorverkauf zu haben sind.. Das geschieht in New York. In einem Lande sind es die Kantoren, die die Synagogen füllen; in einem andern die Rabbiner mit ihren Predigten. In einem dritten Lande vermögen vielleicht Rabbiner und Kantor die Bethausbesucher anzulocken; in einem vierten vielleicht beide nicht. Am besten wäre es, wenn man weder Kantor noch Rabbiner brauchte, um jüdische Menschen zum Judentum zurückzubringen. Aber das ist wahrscheinlich zu viel verlangt. Manche sagen freilich, sie feierten Gottesdienst am liebsten allein und für sich in Gottes freier Natur. Aber sie vergessen dabei, daß Ferien vom Ich nur die Befreiung vom Alltag sind, aber noch kein Gottesdienst. Denn der ist ohne Gemeinschaft und altgeheiligten Brauch nicht zu denken. * * „... da laß dich ruhig nieder." Da gibt es in eben dem gleichen Amerika z. B. Zeitungsanzeigen, die mehr über gewisse Auffassungen und Gedanken vom Tode aussagen, als es dickleibige Bücher vermögen. So kann man lesen: „Bes jisroel Friedhof: hoch — schön — trocken. Omnibusse von New York direkt bis zum Friedhof." Nun ist es ja wirklich ein nicht zu verachtendes Vergnügen, schön und hoch und trocken zu liegen und trotzdem tot zu sein, außerdem aber schon vorher zu wissen: die Omnibusse bringen die Trauergäste ohne große Fahrtspesen und Mühen direkt bis zum Friedhof. Dann wird die Beerdigung zu einer unbeschwerlichen Angelegenheit, und man kann sich schon zu Lebzeiten ausmalen, daß selbst Freund X bei unserer Beerdigung zugegen sein wird, dieweil er, geizig, keine großen Ausgaben und wenig Zeitversäumnis hat, wo doch die Omnibusse ihn zum Grabe bringen. Es gibt überall Menschen, die über den Tod hinaus Rücksicht auf ihre guten Freunde nehmen, die aber auch, wie sie etwas vom Leben haben wollten, noch im Tode ihren Komfort nicht missen wollen, und sei es auch nur den, hoch, schön und trocken zu liegen. Eine andere Anzeige lockt: „Bes Dovid Friedhof. Neue Wege und Untergrundbahn. Drei Dollar für ein Grab ausheben. Für einen erwachsenen Menschen ist das alles, was der Bes Dovid Friedhof berechnet. Nicht neun und elf Dollar wie andere Friedhöfe: nur drei Dollar. Über 1200 der prominentesten jüdischen Organisationen haben bei uns Plätze gekauft ..." Also auch noch Wettbewerb im Tode, wie es dort in USA bei Juden und Nichtjuden üblich ist Eigentlich muß ein solches Angebot 86

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